Dienstag, 27. Februar 2018

Naomi Alderman - Die Gabe




Verlag: Heyne
Seiten: 466
Erschienen: 12. Februar 2018
Preis: 16.99 Euro (Ebook: 13.99 Euro)





Von einem auf den anderen Tag wird die bisherige Weltordnung auf den Kopf gestellt. Am sogenannten "Tag der Mädchen" entdecken junge Frauen in sich die Gabe. Durch ihre Hände können sie Stromstöße abgeben. Zudem sind sie in der Lage diese Fähigkeit auf ältere Frauen zu übertragen. Plötzlich sind die Frauen den Männern überlegen und werden als 'stärkeres Geschlecht' bezeichnet.
Inmitten dieses Umbruchs verfolgen wir den Weg vier völlig verschiedener Menschen und erleben hautnahe, wie es ist, wenn Rollen plötzlich getauscht und bisherige Hierarchien gestürzt werden. 
Doch ist eine von Frauen regierte Welt wirklich eine bessere Welt?

Während des Lesens von "Die Gabe" von Naomi Alderman fragt man sich nicht nur einmal, warum dieser Roman erst jetzt geschrieben wurde. Sicherlich kommt die Geschichte mit der aktuell laufenden 'mee too' Bewegung scheinbar genau zum richtigen Moment, doch wer glaubt, dass die Autorin eine, von Frauen regierte, Welt erschaffen hat, in der nur Frieden herrscht, der täuscht. 
In "Die Gabe" geht es nicht hauptsächlich um die Frage, was passieren würde, wenn Geschlechterrollen plötzlich getauscht werden, auch wenn dieser Punkt natürlich einen wichtigen Stellenwert einnimmt, es geht viel mehr darum, was passiert, wenn Menschen zu viel Macht bekommen und vom vorher gewählten Weg abkommen. 
Trotzdem bleibt die Idee hinter der Geschichte revolutionär. Naomi Alderman kreiert eine Welt, in der sich Männer als Frauen verkleiden, um in der Gesellschaft ernst genommen zu werden. Durch den völligen Umbruch der Geschlechterrollen, versteht sich die Autorin geschickt darin wichtige Eckpfeiler in die Handlung einzubauen, die das Denken verändern werden. 
Wie wäre es beispielsweise, wenn Männer nicht mehr ohne einen weiblichen Vormund vor die Tür gehen dürften? 
Was würde passieren, wenn sie nicht mehr alleine Auto fahren dürften?
Wenn sie sich die Erlaubnis des weiblichen Vormundes einholen müssten, um eine Firma zu gründen oder ein Geschäft zu eröffnen? 
Das klingt alles ziemlich weit hergeholt?
In vielen Ländern sind diese Gesetze für Frauen die Tagesordnung. 
Ein weiterer Pluspunkt für "Die Gabe", neben der außergewöhnlichen Idee und den wichtigen Botschaften hinter der Geschichte, ist die Erzählweise. Erzählt wird größtenteils aus der Sicht vier verschiedener Charaktere, die einen ganz unterschiedlichen Blick auf die Handlung gewähren. Die Senatorin Margot beleuchtet die politische Lage, seit dem Tag der Mädchen. Roxy, Mitglied einer Londoner Verbrecherfamilie, entdeckt als Erste an sich die Gabe und beleuchtet den nicht ganz legalen Aspekt in dieser neuen Welt. Allie repräsentiert in der Geschichte eine durchaus nicht unbekannte Entwicklung, wenn etwas geschieht, was auf Anhieb nicht wissenschaftlich erklärt werden kann: den religiösen Fanatismus. Als 'Mother Eve' verkündet Allie, dass Gott weiblich ist und dass die religiöse Art zu denken sich völlig verändern muss. Mit einer immer stärker wachsenden Anhängerschaft zeigt sich in diesem Erzählstrang ebenfalls, wie leicht sich Menschen bekehren lassen, wenn sie mit etwas nicht Erklärbarem konfrontiert werden. Die letzte Figur bricht dann vollkommen aus der Reihe aus und das macht sie wahrscheinlich so interessant. Tunde ist die einzig männliche Figur und fungiert als Nachrichtenmedium, weil er derjenige ist, der journalistisch immer nahe am Geschehen ist und auch von weiblicher Seite akzeptiert wird, weil es ihm darum geht Geschichten zu erzählen und viele Frauen in "Die Gabe" ihre Geschichte erzählen wollen.
Ob Naomi Aldermans Roman eine Dystopie ist, hängt wohl von der jeweiligen Betrachtungsweise ab. Unbestreitbar ist aber, dass "Die Gabe" eine hochinteressante Geschichte geworden ist, die den Blick auf die Dinge verändern wird. Auf verschiedene Arten und Weisen. 

Freitag, 16. Februar 2018

Lesemonat Dezember

Liebe Freunde, 
es wird mal wieder Zeit für einen Lesemonat. Wie es üblich geworden bin, bin ich natürlich wieder viel zu spät dran und reiche euch meinen Lesemonat Dezember nach. 
Im Dezember habe ich insgesamt zehn Bücher gelesen, ein Ebook war dabei. Insgesamt waren es 3726 Seiten. 
Das waren die Fakten. Dann kann es ja losgehen. 
Los ging es im Dezember mit einem Buch von Jane Austen, das schon lange auf meiner Leseliste stand. Neben Austens berühmtesten Werk "Stolz und Vorurteil" gingen manche ihrer anderen Geschichten immer ein bisschen unter, was schade ist, da man hier wirkliche Juwele findet. Natürlich muss man wissen, worauf man sich bei Jane Austen einlässt. Weitschweifige Erklärungen,vor allem von der Natur der englischen Landsitze, auf der ihre Geschichten die meiste Zeit spielen, sind an der Tagesordnung, aber ich liebe es! Ich liebe ihren Schreibstil, die Atmosphäre, die dieser heraufbeschwört und vor allem liebe ich ihre Figuren, vor allem die weiblichen, die vielleicht einer veralteten Rolle hier unterliegen, es aber doch immer wieder schaffen aus dieser auszubrechen. In "Verstand und Gefühl" geht es um zwei ungleiche Schwestern, die mich bezaubert haben. Ich habe es geliebt.
Weiter ging es im Dezember mit dem ersten Teil einer Reihe, um der ich scheinbar ewig lange herumgeschlichen bin und das jetzt nicht mehr so richtig verstehen kann. Percy Jackson ist großartig! Ich liebe den Humor in der Geschichte um diesen besonderen Helden, der mit seinen ungleichen Freunden immer wieder neue Abenteuer erlebt. Durch den ersten Band "Diebe im Olymp" bin ich geflogen, weil ich unbedingt wissen musste, wie es ausgeht. Es ist spannend, witzig, actionreich und besitzt einen einzigartigen Charme, der mich sofort gewinnen konnte. Eben alles, was eine großartige Kinder- und Jugendfantasyreihe braucht. Ich bin auf jeden Fall ein großer Percy-Fan geworden und musste mir natürlich sofort die restlichen Bände auch holen. 
Der Dezember ist ja bekanntlich einer der grauen und düsteren Monate. Die perfekte Atmosphäre für einen Horrorroman. Der letzte ist bei mir schon eine ganze Weile her, weil ich ehrlich gesagt immer eine gehörige Portion Mut zusammenkratzen muss, bevor ich mich das traue. Aber bei "Hex" von Thomas Olde Heuvelt konnte ich nicht anders. Praktisch war es auch, dass ich dieses Buch zum Geburtstag von der lieben Jill von Letterheart-Bücherblog geschenkt bekommen habe. In "Hex" geht es um, wie wahrscheinlich richtig vermutet, um eine Hexe, die in einem amerikanischen Dorf namens Black Springs spukt. Ein eigentlich altbekanntes Szenario, das in einen völlig neuem und interessanten Licht beschrieben wurde.Ich habe mich gleichzeitig unglaublich gefürchtet und war sehr beeindruckt, welchen Lauf die Geschichte genommen hat. Wer es noch etwas ausführlicher haben möchte, ich habe zu "Hex" eine Rezension geschrieben.
Das nächste Buch aus dem Lesemonat Dezember kommt von Kathryn Stockett und heißt "Gute Geister". Seltsamerweise fiel dieser Roman bei Erscheinung vollkommen aus meinem Radar. Als ich ihn zufällig auf Instagram entdeckt habe, habe ich noch nie von der Geschichte gehört und ging deswegen völlig unvoreingenommen an das Buch heran. Und ich wurde sehr überrascht. In "Gute Geister" finden wir gleich eine ganze Handvoll großartiger und mutiger Frauen, die für sich einstehen und unglaublich inspirierend sind. Nach der Lektüre musste ich mir dann natürlich auch sofort die filmische Umsetzung mit Emma Stone in der Hauptrolle ansehen, die ebenfalls mehr als gelungen war. Ein wundervolles Fundstück also, das mir sehr gut gefallen hat.
Weiter ging es im Dezember mit einem Buch, das man eigentlich nur in einem Rutsch durchlesen kann. Es ist fast unmöglich "Dann schlaf auch du" von Leila Slimani auch nur eine Minute beiseite zu legen. Dabei findet man den tragischen Höhepunkt der Geschichte bereits zu Beginn der Handlung. Trotzdem schafft es die Autorin in einem nüchternen Schreibstil eine unglaublich intensive Spannung aufzubauen, die den Leser ganz langsam umschließt. Am Ende der Geschichte war ich völlig fertig und damit ist "Dann schlaf auch du" auch ganz sicher kein Buch, das man sofort wieder vergisst, wenn man die letzte Seite gelesen hat. Die Geschichte nistet sich ins Unterbewusstsein ein und meldet sich immer wieder. Ich weiß gar nicht, welches Genre ich in diesem Fall benennen will. "Dann schlaf auch du" ist einzigartig und sollte deswegen unbedingt gelesen werden. Auch zu diesem Buch habe ich eine Rezension geschrieben.
Auch eine Weihnachtsgeschichte durfte im Lesemonat Dezember natürlich nicht fehlen. Gefallen ist die Wahl auf "7 Kilo in 3 Tagen - Über Weihnachten nach Hause" von Christian Pokerbeats Huber. Und wie auch schon bei seinem ersten Buch "Fruchtfliegendompteur" kam ich erstens aus dem Lachen nicht mehr heraus und zweitens habe ich mich selbst mehr als einmal wiedererkannt. Anders als sein erstes Buch, in dem man Beschreibungen von typischen Alltagssituationen wiederfindet, ist diese etwas andere Weihachtsgeschichte ein Roman, der mich sehr gut unterhalten konnte und in der der Protagonist über seinen weihnachtlichen Besuch im elterlichen Zuhause berichtet. Wer also auch für das nächste Weihnachten eine gute Geschichte sucht, kann sich noch gerne vorher meine Rezension ansehen und dann das Buch kaufen. 
Puh, könnt ihr noch? Na gut, dann gehts weiter. Ein weiteres Buch aus dem Lesemonat Dezember war auch mein erstes Buch der Autorin Juli Zeh, von der ich im Vorfeld schon einiges gehört habe. Dementsprechend gespannt war ich auf ihr neustes Werk "Leere Herzen" und wurde dann mehr als überzeugt. "Leere Herzen" entpuppte sich als brillante Sozialdystopie, die unserer Gesellschaft einen Spiegel vorhält. Das erfährt man übrigens schon am Anfang des Buches bei der Widmung, die lautete "Da. So seid ihr". "Leere Herzen" spielt in einem Deutschland der unmittelbaren Zukunft und zeigt eine Gesellschaft auf, die erschreckend empathielos geworden ist und die aber nicht mehr so weit von uns entfernt ist. Definitiv eine Autorin, von der ich in nächster Zeit noch mehr lesen werde.
Im Dezember habe ich auch mal wieder einen Ausflug in den New Adult Bereich gemacht. Eigentlich habe ich dieses Genre komplett abgeschrieben, weil mir die Geschichten einfach immer wieder zu sehr ähneln. Natürlich weiß ich, dass man sich hierbei nicht neu erfinden kann, trotzdem erwarte ich zumindest einen gewissen Anreiz von Originalität und muss sagen, dass ich dieses Mal wirklich Glück hatte. "Mayhem" von Jamie Shaw konnte ich mich wirklich über die gesamte Länge sehr gut unterhalten. Natürlich gibt es auch hier Altbekanntes, trotzdem war die Geschichte so unterhaltsam geschrieben, dass man leicht darüber hinwegsehen konnte. Wer also etwas Leichtes für zwischendurch sucht, ist hier sehr gut aufgehoben. (Deutscher Titel: Rock my Heart)
Das nächste Buch aus dem Dezember war ebenfalls eine Geschichte, die mich total überrascht hat. "Ich treffe dich zwischen den Zeilen" ist eher durch Zufall auf meine Wunschliste gekommen. Das Buch von Stephanie Butland war dann glücklicherweise ebenfalls ein Geschenk von der wunderbaren Jacquelin von Bookaholic. zum Geburtstag und ich war wirklich begeistert. "Ich treffe dich zwischen den Zeilen" ist eine stille Liebesgeschichte mit einem Hauch Dramatik und unglaublich liebevollen und besonderen Charakteren, die ich sofort auch in meinem Leben haben will. Das Buch gehört zu den Schmuckstücken, die man immer wieder hervorholt und in Erinnerungen versinkt. 
Das letzte Buch aus meinem Lesemonat stand schon sehr lange auf meiner Wunschliste. Dementsprechend gespannt war ich dann natürlich auf das neuste Werk von Bernhard Schlink "Olga", das die Lebensgeschichte einer unglaublich mutigen und besonderen Frau erzählt. "Olga" hat mich von der ersten Seite für sich eingenommen. Besonders gelungen fand ich die verschiedenen Perspektivwechsel, die während der Handlung vorgenommen werden und vor allem der letzte Teil hat es mir unglaublich angetan. Denn da verwandelt sich Bernhard Schlinks Buch plötzlich in einen Briefroman. Die Briefe haben mich unglaublich berührt und gaben der Geschichte genau das richtige Ende. Alles in allem ein rundum gelungenes Werk. Wer noch nicht überzeugt ist, auch zu "Olga" habe ich eine Rezension geschrieben.

Das war er also. Mein Lesemonat Dezember. Allerhand war dabei aber insgesamt haben mir alle Bücher gut gefallen. Und sehr bald folgt dann auch schon mein Lesemonat Januar :)
Ich wünsche euch noch einen schönen Abend.

Lisa. 

Mittwoch, 7. Februar 2018

Diogenes Liebe

Wir Bücherliebhaber kennen das Gefühl nach einer besonders guten Lektüre möglichst vielen Menschen von dem eben gelesenen Buch berichten zu wollen. Man möchte seinen Mitmenschen klar machen, dass es diese Geschichte ist, die sie gerade brauchen. 
Dass dieses Buch deinen schlechtesten Tag zu einem großartigen macht.
Dass es dich und vielleicht sogar die Welt ein bisschen besser machen kann.

Aber was ist, wenn diese Bücher oft aus einem bestimmten Verlag kommen? Dann wird es Zeit für eine kleine Ode auf den Diogenes Verlag. 
Diogenes Bücher haben immer Charakter und etwas ganz eigenes an sich. Egal, in welcher Buchhandlung du dich gerade befindest, immer fallen diese besonderen Juwele mit dem breiten weißen Rand sofort ins Auge. Aber es ist nicht nur die einzigartige Aufmachung, die die Diogenes Bücher so besonders machen. Jedes meiner eigenen persönlichen Lesejahre beinhaltet mindestens ein Diogenes-Jahreshighlight.
Lieblingsbücher wurden gefunden und das Herz an Charaktere und Autoren verschenkt. Ein paar dieser besonderen Geschichten möchte ich euch an dieser Stelle gerne einmal vorstellen.
Wer weiß, vielleicht findet hier jemand sein neues Lieblingsbuch.

Martin Suter - Small World

Ich bin ein großer Suter Fan und habe fast alle Romane von ihm gelesen, doch am meisten im Herzen geblieben ist mir "Small World". Suters Geschichte um den Protagonisten Konrad, der langsam aber sicher seinen Verstand und sein Gedächtnis an der Alzheimer-Krankheit verliert, ist mit so einer besonderen und einzigartigen Wärme erzählt, dass Konrad nicht nur zu meinen absoluten Lieblingsprotagonisten gehört, sondern "Small World" sich schon längst in meine Herzensbücher eingereiht hat. 
Trotz seines ernsten Themas, ist Suters Roman ein wundervolles und berührendes Meisterstück geworden. Unbedingt lesen!

Benedict Wells  - Vom Ende der Einsamkeit

"Vom Ende der Einsamkeit" gehört zu diesen Büchern, die mich scheinbar wochenlang überallhin verfolgt haben. Das Buch schien dauernd zu rufen: 
"Jetzt kauf mich schon endlich! Du brauchst mich für dein Wohlbefinden!"
Und es hatte Recht.
Ihr kennt dieses Bedürfnis bestimmte Zitate in Büchern zu markieren, damit man sie immer wieder hervorholen und staunen, was für fast schon magische Dinge jemand mit Worten vollbringen kann. Bei "Vom Ende der Einsamkeit" vergeht dieses Bedürfnis nicht eine Sekunde, da das ganze Buch ein einziges Zitat ist. Genau hier hat meine unbändige Wells Liebe begonnen. Eine Liebe, die wohl niemals enden wird. 

Joey Goebel - Vincent

Immer noch habe ich ein schlechtes Gewissen wegen "Vincent". 
Wie konnte dieses Buch so lange auf meinem Stapel ungelesener Bücher liegen bleiben? 
Wie konnte ich so ein Juwel von einem Buch so lange übersehen?
Gut machen kann ich das wohl nur, in dem ich möglichst viele Wort Paraden auf dieses Buch veranstalte. "Vincent" ist Anklage, Tragödie, Satire und Medienschrift in einem. Die Geschichte hält der Gesellschaft nicht nur den obligatorischen Spiegel vor, sie packt sie und zwingt sie hineinzusehen. In "Vincent" finden wir uns alle in irgendeiner Form wieder und deswegen ist dieses Buch so wichtig. 
Also lest es, liebt es, verinnerlicht es, lernt es am besten auswendig! 
Und vergesst nicht die Paraden...

Klaus Cäsar Zehrer - Das Genie

"Das Genie", mein jüngstes Lieblingsbuch aus dem Diogenes Verlag. 
"Ein ganz schöner Schinken", denkt ,man, wenn man es zum ersten Mal in den Händen hält. Doch die Seiten von "Das Genie" fliegen nur so an einem vorüber und plötzlich sieht man sich mit der erschreckenden Tatsache konfrontiert, dass die Geschichte bald zu Ende ist. 
Ich hätte noch tausend Seiten über das Harvard Wunderkind William James Sidis lesen können. Ein junger Mann mit einer unglaublichen, teils nicht zu fassenden Lebensgeschichte, in der sich Tragik und Komik sooft abwechseln, dass einem schon fast schwindelig wird, doch man will immer mehr. 
"Das Genie" ist eine teils fiktionale und teils biografische Geschichte, die so unglaublich gut recherchiert und geschrieben ist, dass man sich eigentlich nur ehrfürchtig vor dem Autoren verbeugen möchte. 

John Irving - Das Hotel New Hampshire

Mein Lieblingshotel aus New Hampshire war mein erster Irving und was hatten wir beiden zu Beginn unsere Probleme. An Irvings Schreibstil muss man sich gewöhnen, doch wenn man diese Gewöhnungsphase überwunden hat, ist plötzlich alles anders. Es ist nicht so, dass man sich mit seinem Schreibstil arrangiert. Man liebt ihn und fragt sich, wie man so lange ohne ihn leben konnte. Man liebt alles. Ich habe mich gewundert, dass meine Pupillen, während des Lesens, sich nicht plötzlich in kleine Herzchen verwandelt haben.
Irving erschafft die großartigsten Figuren, von denen du je lesen wirst. 
Sie sind so besonders. 
So anders. 
So außergewöhnlich, dass man sie sich ins echte Leben wünscht, bloß, um etwas Zeit mit ihnen verbringen zu dürfen.
Es mag sein, dass "Das Hotel New Hampshire" und ich zuerst nicht gut miteinander aus kamen, doch jetzt gehört es zu meinen absoluten Lieblingsplätzen und ich würde wieder einziehen. Immer wieder. 



Sonntag, 4. Februar 2018

Haruki Murakami - Die Ermordung des Commendatore (Eine Idee erscheint)







Verlag: Dumont
Seiten: 482
Erschienen: 22. Januar 2018
Preis: 26 Euro (Ebook: 20.99 Euro)






Der namenlose Erzähler dieser Geschichte ist Maler und zieht, nachdem sich seine Frau überraschend von ihm trennt, in das ehemalige Anwesen eines anderen sehr bekannten Malers, der krankheitsbedingt dort nicht mehr wohnen kann. Zunächst verläuft sein Leben ruhig und in geordneten Bahnen, doch schon bald häufen sich seltsame und mysteriöse Zufälle auf dem Anwesen und auch im Leben des Erzählers, so weit, dass sich Realität und Fiktion schon bald nicht mehr voneinander unterscheiden lassen. 
Und unser namenloser Erzähler muss sich entscheiden, welcher Seite er nachgibt und welche Grenze er überschreiten will...

Endlich war es soweit. 
Der neue Roman von Haruki Murakami ist da und dieses Mal legt der wohl berühmteste japanische Autor auch noch einen Zweiteiler vor. "Die Ermordung des Commendatore" hat es geschafft meine Murakami-Liebe neu zu entfachen. Nachdem ich mit "Kafka am Strand" und "Hard-boiled Wonderland und das Ende der Welt" eher mit zwei Geschichten begann in das Murakami-Universum abzutauchen, in der die fantastischen Elemente im Vordergrund standen, beginnt "Die Ermordung des Commendatore" wesentlich ruhiger. Der Faszination tat dies aber keinen Abbruch, eher im Gegenteil. Es ist schon erstaunlich, dass man es schafft, Geschichten in so einer Intensität zu erzählen, dass selbst ruhige Handlungsstränge mit atemloser Spannung gelesen werden. Murakamis Schreibstil ist wirklich besonders, in jeder Hinsicht. Er erschafft in seinen Geschichten so viele Bedeutungsebenen, dass man ganz eigene Interpretationen von eben Gelesenen für sich selbst kreieren kann. Zudem geht ein unglaublicher Sog von seinen Geschichten aus, dass ich bloß, nachdem ich das Buch aufgeschlagen hatte, einige Wörter in "Die Ermordung des Commendatore" lesen musste und fortan für die Außenwelt nicht mehr erreichbar war. 
Als sich dann die mystischen und teilweise wirklich unheimlichen Elemente in den Handlungsstrang hinein schlichen, war es mir fast unmöglich das Buch wegzulegen. Obwohl auch in diesem Teil der Geschichte weiterhin mit so einer unglaublichen Nüchternheit erzählt wird, konnte ich nicht anders als die Geschichte mit jeder weiteren Seite einzuatmen, es hatte beinahe etwas Hypnotisches an sich. 
Sicherlich lässt das Ende des ersten Bandes viel Raum für Spekulationen, Fragen und eben wieder für Interpretationen. Sogar der Prolog bleibt am Ende noch ungeklärt, doch genau dafür sind Fortsetzungen da. Und Murakami hat es geschafft eine so große Vorfreude auf den zweiten Band wachsen zu lassen, dass ich den April schon fast nicht mehr erwarten kann. 
"Die Ermordung des Commendatore" ist eine Geschichte über eine etwas vom Weg abgekommene Künstlerseele, die einen neuen Platz im Leben sucht. Es ist eine Geschichte über Selbstfindung, Selbstbestimmung und der Gewissheit, dass man im Leben Umwege gehen muss, die dann zur Erfüllung führen. Für mich war der erste Teil ein faszinierendes Leseerlebnis und ich kann nur jedem empfehlen dem Murakami-Universum unbedingt einmal einen Besuch abzustatten. Es kann allerdings sein, dass man nicht wieder gehen wird. 

Freitag, 12. Januar 2018

Bernhard Schlink - Olga




Verlag: Diogenes
Seiten: 319
Erschienen: 12. Januar 2018
Preis: 24 Euro (Ebook: 20.99 Euro)





"Eine Frau, die kämpft und sich findet, ein Mann, der träumt und sich verliert. Leben zwischen Wirklichkeit, Sehnsucht und Aufbegehren. 
Vom späten 19. bis zum frühen 21. Jahrhundert, von Deutschland nach Afrika und in die Arktis, von der Memel an den Neckar - die Geschichte einer Liebe, verschlungen in die Irrwege der deutschen Geschichte."
(Quelle: Diogenes)

Schon als ich zum ersten Mal von Bernhard Schlink's neuem Roman "Olga" gehört habe, wusste ich, dass ich dieses Buch lesen musste. Manche Geschichten warten ewig darauf erzählt zu werden. Ich bin sehr dankbar, dass der Autor Olgas Geschichte erzählt hat. 
Noch jetzt fällt es mir sehr schwer diesen Roman irgendwo einzuordnen, ihm ein Etikett zu verpassen oder in eine Schublade zu stecken, denn das ist bei "Olga" eigentlich nicht möglich. 
Es ist die Lebensgeschichte einer Figur, die zwar fiktiv ist, aber eine so unglaubliche Authentizität und eine beeindruckende Tiefe verkörpert, dass Olga auch wirklich hätte gelebt haben können. Es ist die Geschichte einer unglaublich starken Persönlichkeit einer Frau, die trotz aller Schicksalsschläge, die ihr das Leben vor die Füße wirft, weiter ihren Weg geht, scheinbar immer nur wegsteckt und trotzdem noch immer ein warmes Lächeln für ihre Mitmenschen übrig hat.
Aber am intensivsten lebt die Geschichte und auch ihre Protagonistin von der Liebe. Einer Liebe zu einem Mann, die nie sein durfte und doch so umwerfend und alles umfassend ist, dass es weh tut, dass man die Momente, wenn Olga von ihrem Liebsten getrennt ist so intensiv nach empfindet, dass alles andere zu verblassen scheint. Und leider gibt es viel zu viele von diesen Momenten in der Geschichte.
Bernhard Schlink hat es geschafft, eine beeindruckende Tiefe in bloß wenigen Seiten zu stecken. Auch seine Art und Weise des Erzählens muss an dieser Stelle besonders lobend hervorgehoben werden. Denn "Olga" wird tatsächlich nicht nur aus ihrer Sicht erzählt, sondern auch andere Figuren kommen zu Wort. Figuren, die in Olgas Leben eine besondere Rolle gespielt haben und immer noch spielen. Diese anderen Erzähler berichten von ihrem Lebensweg, den diese beeindruckende Frau gekreuzt hat. 
Das unmittelbare Ende der Geschichte war dann für mich persönlich noch einmal ein kleines Highlight, weil sich das ganze Buch plötzlich in einen Briefroman verwandelt und für mich damit den perfekten Abschluss bildet. 
Auch ich bin sehr froh, dass ich das Glück hatte Olga kennen lernen zu dürfen, auch wenn es nur zwischen den Seiten geschah. Aber da es sich hier sowieso um meinen Lieblingsplatz handelt, kann ich nur jedem ans Herz legen, diese Begegnung mit einer besonderen Frau ebenfalls so schnell wie möglich zuzulassen. Man wird sie nämlich nicht mehr so schnell vergessen. 

"Mein Lieber, letztes Jahr wolltest du vor Weihnachten zurück sein, dieses Jahr wollten es die Soldaten. Auf Euch Männer ist kein Verlass."

Mittwoch, 10. Januar 2018

Lesemonat November

Liebe Bücherfreunde, es ist so weit. Ich hinke bei den Lesemonaten wieder hinterher und präsentiere ich euch heute voller Stolz, meinen Lesemonat November. Im November habe ich insgesamt acht Bücher gelesen, eines davon war allerdings ein Vorabexemplar, über das ich noch nicht reden darf. Ihr dürft euch aber schon einmal freuen. Ein Highlight bei den Büchern, die ihr oben seht, war dabei. Das kommt allerdings wie immer zum Schluss. 
Dann haben wir jetzt genug über die Fakten geredet, los geht's!
Das erste Buch aus dem Lesemonat November kommt von Krystal Sutherland. Ich muss zugeben, im Vorfeld habe ich gedacht, dass "Unsere verlorenen Herzen" eine typisch kitschige Teenieliebesgeschichte ist, aber weit gefehlt. Die Geschichte um den Protagonisten Henry kommt ganz ohne Kitsch aus und ist eine überraschend tiefgründige und liebenswerte Story geworden. Die Charaktere sind etwas ganz Besonderes und bleiben auch lange nach dem Lesen im Gedächtnis. Wer nun neugierig auf "Unsere verlorenen Herzen" geworden ist, ich habe zu diesem wundervollen Büchlein eine Rezension geschrieben. 
Das nächste Buch kommt von der Alleskönnerin Cara Delevingne. Man kennt sie bereits als Model und Schauspielerin, mit "Mirror Mirror" hat sie ihren ersten Roman veröffentlicht. Das Buch gehörte zu meinen wenigen Buchmesse Neuzugängen und ich war sehr gespannt auf die Geschichte, da der Klappentext nicht wirklich viel Einblick in die Handlung gab. Auch hier wurde ich schlussendlich überrascht, da die Geschichte eine unglaubliche Tiefe besitzt, die während der gesamten Lektüre anhält. Obwohl mir der Einstieg in die Handlung unglaublich schwer gefallen ist und ich schon kurz davor war das Buch wegzulegen, habe ich dann doch die letzten zweihundert Seiten am Stück gelesen. "Mirror Mirror" ist eine unglaublich intensive Geschichte über Freundschaften, die am Ende immer zu den wichtigsten Dinge im Leben gehören.
Weiter ging es im November mit dem neusten Werk von Marie Graßhoff. "Die Schöpfer der Wolken" stand schon seit ich zum ersten Mal die ungefähre Inhaltsbeschreibung gelesen habe auf meiner Wunschliste. Als ich das Buch dann auf der FBM entdeckt habe, musste ich es so schnell wie möglich in meinen Besitz bringen und dann auch lesen. Und ich wurde nicht enttäuscht. "Die Schöpfer der Wolken" ist ein komplexes und großartiges Science-Fiction- Fantasy Epos, das man allerdings nicht unterschätzen darf. Bei der Geschichte muss man dran bleiben, damit man die ganze Handlung auch in ihrem vollem Umfang erfassen kann. Wer neugierig geworden ist, auch zu diesem Buch habe ich eine Rezension geschrieben.
Nachdem ich im vergangenen Jahr gelernt habe, dass ein Gedichtband, namens "The princess saves herself in this one" durchaus in der Lage sein kann, eine ganze Fülle an Emotionen bei mir hervorzurufen, musste ich natürlich auch die Gedichte von Rupi Kaur lesen. "Milk and honey" hat mich zwar nicht so sehr zum Weinen gebracht wie noch Amanda Lovelace, allerdings war ich nicht minder beeindruckt, wie bloß wenige Worte so viel ausdrücken können. Ich bin allerdings der Meinung, dass man "Milk and honey" unbedingt im Original lesen sollte, da das Englische viel besser vermitteln kann, was Rupi Kaur mit ihren Gedichten vermitteln möchte. Ihr glaubt, Poesie ist nichts für euch? Diese beiden Bücher werden euch vom Gegenteil überzeugen. 
Das nächste Buch aus dem Lesemonat November kommt von Marissa Meyer und ist der dritte Band ihrer Luna Chroniken. Obwohl der zweite Band schon länger her ist, war ich sehr schnell wieder in dieser besonderen und dystopischen Welt angekommen. Genau wie die beiden Vorgänger, knüpft auch "Wie Sterne so golden" an die Märchenadaptionen an. Und das macht die Autorin so verdammt originell, dass man, als Leser, eigentlich nur beeindruckt sein kann. Das nächste Abenteuer aus den Luna Chroniken steuert langsam aber sicher auf das große Finale zu, auf das ich mich im vierten und finalen Band freuen kann, das 2018 auf meiner Leseliste steht. Immer noch eine Reihe, die mir unheimlich gut gefällt. 
Weiter ging es im November mit einem Buch, das mir ebenfalls auf der Frankfurter Buchmesse ins Auge gesprungen ist. "Timeless - Retter der verlorenen Zeit" ist allein schon wegen seiner Aufmachung unglaublich auffällig und das geht auch im Inneren des Buches weiter. Das Buch von Armand Baltazar besitzt über hundert Illustrationen, die der Autor selbst kreiert hat und die die gesamte Geschichte tragen. Allerdings macht auch die Handlung einiges her, da sie unglaublich actionreich ist und den Leser atemlos durch die Seiten fliegen lässt.Ich freue mich schon sehr auf die restlichen Bände und kann es ausnahmslos empfehlen. Wer es noch etwas genauer haben möchte, auch zu 'Timeless' habe ich eine Rezension geschrieben.
Kommen wir zum Schluss zu meinem absoluten Highlight aus dem November und mittlerweile auch des Lesejahres 2017. "Das Genie" von Klaus Cäsar Zehrer ist eine fiktive Geschichte über das real existierende Harvard Wunderkind William James Sidis, der Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts geboren wurde. Angefangen bei Williams Vater, ein bekannter Psychologe, der seinen Sohn nach einer speziellen Methode erzogen hat, die beweisen soll, dass wirklich jedes Kind zum Genie werden kann, bis hin zu dem exzentrischen Wunderkind, ist "Das Genie" eine großartige und unglaublich intensive Geschichte geworden, die ich, auch wenn das Buch ziemlich dick ist, in wenigen Tagen gelesen habe. "Das Genie" ist besonders und ungewöhnlich auf jeder einzelnen Seite. Unglaublich, was William James Sidis für ein beeindruckender Mensch gewesen ist. Ich bin überzeugt, dass man nach der Lektüre eine andere Sicht auf die Dinge hat. Auch zu "Das Genie" habe ich eine Rezension geschrieben.

Das war er auch schon wieder. 
Mein Lesemonat November. Wieder einmal waren tolle Bücher dabei, vielleicht kennt ihr bereits einige davon oder habt auch schon was gelesen. Lasst es mich in den Kommentaren wissen. 

Lisa. 

Dienstag, 2. Januar 2018

Leila Slimani - Dann schlaf auch du





Verlag: Luchterhand 
Seiten: 226
Erschienen: 21. August 2017
Preis: 20 Euro (Ebook: 15.99 Euro)






Der Albtraum eines jeden Elternpaares. 
Stellen Sie sich vor, sie vertrauen das Wichtigste auf der Welt einer fremden Person an und dann geschieht das Unfassbare. 
Myriam und Paul sind eigentlich mit ihren zwei kleinen Kindern Adam und Mila glücklich. Doch als sich der Alltag einschleicht, bemerkt Myriam, dass ihr etwas in ihrem Leben fehlt. Sie möchte in ihren Beruf zurück und nach langem Überlegen entschließt sich das Paar eine Nanny für ihre Kinder einzustellen. Louise scheint zunächst die Erfüllung all ihrer Träume zu sein. Sie ist zuverlässig und die Kinder lieben sie. Doch nach und nach zeigen sich immer mehr Eigenarten und Merkwürdigkeiten in Louises Verhalten, bis es schließlich zur Katastrophe kommt...

Über "Dann schlaf auch du" von Leila Slimani habe ich im Vorfeld der Lektüre schon einiges gelesen und gehört. Umso gespannter war ich dann selbst in die Geschichte einzutauchen und erlebte einen unfassbar intensiven Plot, der das Buch zu einem absoluten Pageturner machte.
Dass die Seiten nur so dahin flogen, ist aber schon deswegen so beeindruckend, weil die Katastrophe der Geschichte bereits am Anfang eintritt. Danach wird der Handlungsstrang teilweise in Rückblicken und teilweise mit Abschnitten aus der unmittelbaren Gegenwart erzählt. Der Vorteil dieser Art des Erzählens entfaltet sich auf zweierlei Weise. Zunächst ist der Leser atemlos gespannt zu erfahren, wie es zu dem Ereignis kommen konnte, das bereits im ersten Kapitel ausführlich erläutert wurde und des weiteren baut sich der Gesamteindruck von der Figur 'Louise' unglaublich detailreich auf. Der Leser fungiert gleichsam als eine Art Beobachter und als Detektiv, der in den kleinsten Ungereimtheiten in Louises Verhalten bereits das unmittelbare Nahen der Katastrophe erkennt. Dabei muss die Umschreibung "klein" noch einmal hervorgehoben werden, denn "Dann schlaf auch du" ist eine Geschichte, die sich unglaublich langsam aufbaut, aber eine so ausgeprägte Intensität besitzt, dass man spürt, wie das Herz immer schneller schlägt und sich polternd seinen Weg zum Ende der Geschichte bahnt. 
Die schlussendliche Auflösung der ganzen Geschichte hat mich zunächst wahnsinnig frustriert. Nach langem Nachdenken bin ich dann aber zu der Überzeugung gelangt, dass vor allem das Ende passend gewählt wurde und auch mögliche Motive der handelnden Personen glaubwürdig dargestellt wurden. Der anfängliche Frust war wohl allein der nicht zu leugnenden Tatsache geschuldet, dass man die Geschichte so intensiv nachempfunden hat, dass man fast schon neben den handelnden Figuren stand, um ihnen dabei zuzusehen, wie sie langsam aber sicher auf ihr persönliches Unglück zusteuern. 
Auch wenn sich "Dann schlaf auch du" im äußerlichen Eindruck als Roman tarnt, versteckt sich in seinem Inneren ein hoch brisanter und gut konstruierter Thriller, der nach meiner Ansicht auch nichts für schwache Gemüter ist. Man liest "Dann schlaf auch du" mit einem unbehaglichen Gefühl im Bauch, das, während die Lektüre voran schreitet, immer mehr zunimmt. 
Unheimlich gut erzählt und spannend geschrieben, obwohl die Grundstimmung eher leise und harmlos wirkt, schleicht sich das Grauen langsam und allmählich ein, um den Leser am Schluss vollends zu umhüllen. 

Freitag, 22. Dezember 2017

Christian 'Pokerbeats' Huber - 7 Kilo in 3 Tagen - Über Weihnachten nach Hause






Verlag: rororo
Seiten: 175
Erschienen: 17. November 2017
Preis: 9.99 Euro (Ebook: 9.99 Euro)






Es ist mal wieder soweit und die schönste Zeit des Jahres steht vor der Tür. Wie jedes Jahr zu Weihnachten, macht sich Bastian auf dem Weg nach Hause zu seiner Familie in die Kleinstadt. Und wie jedes Jahr beginnt seine abenteuerliche kleine Reise mit einem nicht minder großen Abenteuer auf der Zugfahrt zu den Eltern. Dort angekommen nimmt er die ersten Kilos schon zu, bloß weil er über die Türschwelle seiner Eltern tritt. Denn wie jedes Jahr ist Weihnachten bekanntlich das Fest der grenzenlosen Völlerei. Doch tatsächlich ist in diesem Jahr etwas anders. 
Fine, die in den letzten Jahren immer als Bastians Freundin mit zu seinen Eltern fuhr, kommt dieses Jahr als Niklas Freundin mit, Bastians Bruder Niklas. 

"Drei Tage Alkohol, schlechter Schlaf und eine mehr als komplizierte Toilettensituation. Weihnachten ist das Festival der Erwachsene."

"7 Kilo in 3 Tagen - Über Weihnachten nach Hause" von Christian Huber war das erste Weihnachtsbuch, das ich seit langer Zeit gelesen habe. Nachdem ich, während der Lektüre zu seinem Debüt "Fruchtfliegendompteur" bereits durchweg gelacht habe, war ich sehr gespannt den Protagonisten Bastian zu seiner Familie über Weihnachten zu begleiten. 
Anders als in "Fruchtfliegendompteur", das eher als Episodengeschichte daherkam, haben wir es hier mit einem richtigen Roman zu tun, der natürlich auch wieder genau die richtige Prise Humor besitzt, sich allerdings auch mit einer gewissen Ernsthaftigkeit bewährt. 
Bastians diesjähriger Trip nach Hause ist gleichsam das erste Zusammentreffen mit seiner langjährigen Freundin, die nun mit seinen Bruder zusammen ist. Während seines Aufenthalts bei den Eltern blickt der Protagonist immer wieder auf Episoden der gescheiterten Beziehung zurück und schwankt vor, während und nach der Begegnung mit Exfreundin und Bruder zwischen Wut, Resignation und Melancholie. Diese Entwicklung in der Geschichte hat mir unglaublich gut gefallen, da man richtig mit Bastian gelitten hat. 
Die komischen Aspekte in "7 Kilo in 3 Tagen" sind dann natürlich zweifellos die Situationen im Hause der Eltern, während der Feiertage, die uns genauso bekannt sind und immer wieder verzweifeln lassen. Sei es das traditionelle gemeinsame Schmücken des Tannenbaums, peinliche Momente beim Austausch der weihnachtlichen Präsente, der Moment, wenn man nach gefühlten Ewigkeiten eine Kirche betritt und hofft, dass man nicht schon beim Übertreten der Schwelle in Flammen aufgeht, oder eben die enden wollenden Festessen, die aber wohl zur angenehmen Seite von Weihnachten gehören.
Christian Huber gelingt es all diese Situationen perfekt einzufangen und sie nicht nur mit unendlich viel Witz auszustatten, sondern ihnen sogar einen gewissen Hauch von Nostalgie zu verleihen, die sein Buch schon fast zu einer alljährlichen Pflichtlektüre macht. Eine Geschichte, die einen dazu bringt vielleicht sogar in gewissen weihnachtlichen Situationen die Ruhe zu bewahren und mit einem wissenden Lächeln zu denken: 
"Das habe ich doch schon einmal irgendwo gelesen!"

Montag, 11. Dezember 2017

Thomas Olde Heuvelt - Hex






Verlag: Heyne 
Seiten: 432
Erschienen: 16. Oktober 2017
Preis: 12.99 Euro (Ebook: 9.99 Euro)







Es war einmal ein einsamer und abgelegener Ort namens Black Spring, eine eingeschworende Dorfgemeinschaft, die genauso wirkt, wie man es normalerweise von Orten, an denen jeder jeden kennt, erwartet. 
Doch weit gefehlt, denn die mystische und manchmal auch etwas gruselige Aura, die Black Springs umgibt, hat einen Grund. Seit langer Zeit verbergen Generationen von Bewohnern des Dorfes die Hexe Katherine vor dem Rest der Welt. Katherine, die im Mittelalter ein grausamer Tod ereilt hat, kann plötzlich und ohne jede Vorwarnung an jedem Ort des Dorfes auftauchen. Doch da sie Augen und Mund zugenäht hat, bleibt es meistens nur bei der Erscheinung. Denn jeder in Black Springs weiß, sollte Katherine jemals Augen und Mund öffnen, gibt es kein Entkommen und kein Erbarmen...

Mal ehrlich, wer schon auf dem Cover Empfehlungen von Stephen King und George R.R. Martin zu verzeichnen hat, der muss doch wirklich gute Geschichten erzählen können. "Hex" von Thomas Olde Heuvelt war der erste Horrorroman, den ich seit langer Zeit gelesen habe. Trotz der Empfehlungen von diesen zwei großen Autoren, war es allerdings mehr die Beschreibung des Inhalts, der mich angesprochen hat. 
"Hex" klang zunächst wie der klassisch-gruselige Schauerroman, den man am besten bei Kerzenlicht und gut abgeschlossenen Türen liest. Schon zu Beginn der Lektüre wurde allerdings schnell deutlich, dass wir es zwar mit dem altbekannten Ausgangsszenario zu tun haben - gruseliges Dorf und ein Hexenmythos, der doch nicht so mystisch ist, wie man angenommen hat - das ganze Thema aber von einer völlig neuen Seite angegangen wurde. Bewohner, die in gruseligen Dörfern leben, haben in "Hex" nämlich eine unglaublich technische neue Erfindung namens Internet und Handy, welche gerade für den Handlungsverlauf einen wichtigen Stellenwert einnehmen. Zudem fungiert eine spezielle Behörde, die sich praktischerweise "Hex" nennt, als eine Art Geisterjägeragentur, deren wichtigste Aufgabe darin besteht die Hexe vor der Öffentlichkeit geheim zu halten. Um dieser Aufgabe nachzukommen, bedienen sich die Mitarbeiter von "Hex" ebenfalls einer Vielzahl von technischen Mitteln, die hauptsächlich dazu dienen die Dorfbewohner strengstens zu überwachen.
Wenn man sich einmal in die Welt von Black Springs eingelesen hat, mag die Handlung etwas vorhersehbar erscheinen, trotzdem ist "Hex" eine wirklich gute und mit einer neuen Herangehensweise erfrischend umgesetzte Horrorgeschichte geworden. 
Als Vielleser bemerkt man auch schnell, dass sich der Autor von seinen Kollegen einiges an Inspiration geholt hat. Die typisch sadistische jugendliche Figur in Black Springs erinnert beispielsweise an den Wahnsinn, mit dem Stephen King einige seiner Charaktere ausgestattet hat. Und auch die Überwachungspraktiken in Black Springs erinnern oft an Orwells Welt in "1984". Das ist aber durchaus kein negativer Punkt, den ich hier aufführe, da Thomas Olde Heuvelt seine Inspirationen mit fast schon einer liebevollen Verehrung der Autoren verschriftlicht hat. 
Ziemlich überraschend war dann für mich persönlich den Eindruck, den ich von einer Vielzahl der Figuren in "Hex" hatte. Sie verblassten nämlich, da sich Katherine während des Handlungsverlaufs immer mehr in den Vordergrund drängte und somit auch interessanter wurde. Das Ende von "Hex" wartete dann mit einer fast schon moralischen Botschaft auf, die der ganzen Geschichte noch einmal einen extra Schliff verpasste.
Zusammenfassend kann ich sagen, dass "Hex" den Leser auf jeder Seite unterhalten und oft auch gruseln lassen konnte. Für eingefleischte Fans des Genres mag es vielleicht sogar seichte Lektüre sein, doch diejenigen die ab und zu ein bisschen Grusel haben möchten, werden mit der Geschichte gut bedient sein. 

Montag, 4. Dezember 2017

Lesemonat Oktober

Die Zeit rast.
Und ich bin schon wieder spät dran mit den Lesemonaten. Aber das ist auch nicht das Schlimmste. Bücher lese ich sowieso regelmäßig jeden Monat :)
Deswegen herzlich Willkommen, setzt euch, macht es euch gemütlich, hier ein leckeres Heißgetränk! Hier kommt mein Lesemonat Oktober. 
Im Oktober habe ich nicht nur sehr viele Bücher auf der Frankfurter Buchmesse bewundert, sondern auch einiges gelesen. Acht Bücher sind es am Ende geworden mit einem absoluten Highlight, wie immer am Schluss. 
Das sind die Fakten, dann kann es ja losgehen. 
Los geht der Lesemonat mit einem King. "Dead Zone - Das Attentat" gehört definitiv zu den älteren Werken des Meisters des Horrors. Trotzdem beinhaltet die Geschichte fast schon erschreckende Aktualität, da es um einen Mann geht, der nach einem fünfjährigen Koma bei der Berührung eines Menschen einen Blick in die Zukunft desjenigen werfen kann und sieht, wie ein Präsidentschaftskandidat als zukünftiger Präsident der Vereinigten Staaten einen Atomkrieg auslöst. Wie gewohnt kommt auch hier das Moralische nicht zu kurz. Die Hauptfigur muss sich die Frage stellen, was sie mit diesem Wissen anstellen soll und beschäftigt sich mit einem möglichen Attentat, um vielleicht irgendwann mit dieser Tat die Welt zu retten. "Dead Zone" ist eine unheimliche spannende und gelungene Mischung aus Science-Fiction, Thriller und auch einen Hauch Dystopie geworden. Sehr lesenswert!
Weiter geht es mit "Die Schönen und Verdammten" von F. Scott Fitzgerald. Seit ich "Der große Gatsby" von Fitzgerald gelesen hatte, habe ich eine kleine Schwäche für diesen wunderbaren Autoren entwickelt. Fitzgeralds Schreibstil hat wirklich eine ganz besondere Einzigartigkeit, die man wohl überall wiedererkennen würde. Auch "Die Schönen und Verdammten" habe ich sehr gerne gelesen. Es geht um das Ehepaar Gloria und Anthony. Das Leben des exzentrischen, verschwenderischen und jungen Pärchens ist eine einzige und ewige Party. Fitzgerald beschreibt den langsamen aber stetigen Niedergang seiner beiden Hauptfiguren, die irgendwann völlig neben der Realität leben. Wieder einmal war ich beeindruckt, wie aktuell Fitzgeralds Charaktere auch heutzutage immer noch sind und wie man Zeuge wurde, wie sich Gloria und Anthony immer mehr selbst zerstörten. Unbedingte Leseempfehlung von mir!
Das nächste Buch aus dem Lesemonat Oktober kommt von einem Pseudonym der deutschen Historikerin Dr. Karina Urbach, Hannah Coler. "Cambridge 5 - Zeit der Verräter" ist eine Mischung aus Realität und Fiktion mit einer unglaublich spannenden nicht fiktiven Hintergrundgeschichte, von der ich vorher noch nie etwas gehört habe. In den dreißiger Jahren wurden in der berühmten Universität Cambridge immer wieder Studenten vom russischen Geheimdienst rekrutiert, um sie gegen das eigene Land spionieren zu lassen. In der Gegenwart und in Colers fiktiver Geschichte geht es um die Studentin Wera, die nach Cambridge kommt, um über die berühmteste Spionagegruppe, die Cambridge 5, eine Arbeit zu schreiben. "Cambridge 5" ist unglaublich informativ und sehr spannend geschrieben. Jeder, der sich für Spionagegeschichten interessiert, ist mit diesem Buch gut bedient. Wer noch unsicher ist, kann sich gerne meine Rezension ansehen. 
Weiter geht es mit dem neuen Buch von einem meiner absoluten Lieblingsautoren, Sebastian Fitzek. Nachdem uns Fitzek mit "Passagier 23" schon die Kreuzfahrtschiffe madig gemacht hat, ging es also nun mit den Flugzeugen weiter. Und ich gehe so weit zu behaupten, dass jeder, der dieses Buch gelesen hat und demnächst ein Flugzeug besteigt, zumindest mit einem sehr mulmigen Gefühl an Bord geht. In "Flugangst 7a" geht es um einen Psychiater mit schrecklicher Flugangst, der eine Passagiermaschine nach Berlin besteigt und in der Luft von einem Unbekannten angerufen wird, der ihm befiehlt bei einer ehemaligen psychisch extrem labilen Patientin, die sich ebenfalls auf dem Flug befindet, die Therapie rückgängig zu machen und sie dazu zu bringen das Flugzeug abstürzen zu lassen. Wenn er sich weigert, würde der Unbekannte am Telefon seine Tochter, die eigentlich der Grund für seinen Besuch war, töten. "Flugangst 7a" ist erschreckend realistisch, brisant und hochaktuell. Ein Buch, das man nicht eine Minute zu Seite legen kann. Aber das ist ja nichts Neues beim Fitzek...
Es passiert nicht oft, dass ich am Ende von Büchern weine und so atemlos durch die Seiten fliege, weil ich unbedingt wissen muss, wie es ausgeht. Dass ich wissen musste, dass es gut ausgeht. Genau dieses Gefühl hatte ich beim ersten Teil von Sabine Schoders Zweiteiler "Liebe ist was für Idioten wie mich". Dementsprechend neugierig war ich natürlich, wie es im zweiten Teil "So was passiert nur Idioten wie uns" mit Jay und Viki weiter geht.Die sind mittlerweile im Alltag angekommen und sind auch nicht gegen die typischen Probleme gefeilt, die sich in so einem Alltag einschleichen können. Mehr als einmal will man einen von den beiden packen und schütteln, weil man nicht fassen, wie man so viele Dinge falsch verstehen kann und dass sie doch eigentlich das typische Beispiel für zwei Menschen sind, die absolut und vollkommen zueinander passen. "So was passiert nur Idioten wie uns" kommt zwar nicht an seinen Vorgänger heran, ist aber trotzdem eine sehr gelungene Fortsetzung geworden, die ich sehr gerne gelesen habe. 
Das nächste Buch kommt von den wundervollen Königskindern. "Ein Glück für immer" von Ruta Sepetys lag schon viel zu lange auf meinem Stapel ungelesener Bücher und musste nun unbedingt davon befreit werden. Zu Recht. Die Geschichte spielt im New Orleans der fünfziger Jahre. Es geht um Josie, die als Tochter einer Prostituierten, die sich nicht wirklich für ihre Tochter interessiert, bislang kein leichtes Leben hatte. Sie arbeitet in einer Buchhandlung, die gleichzeitig ihr Zuhause ist, da sie ein kleines Zimmer über dem Laden bewohnt. Nebenbei putzt sie noch bei der ehemaligen Chefin ihrer Mutter. Josies großer Traum ist es auf ein College zu gehen, das sich möglichst weit von New Orleans befindet. Als ein Mann in ihrer unmittelbaren Umgebung ermordet wird, muss Josie Entscheidungen treffen, die ihr ganzes Leben betreffen. "Ein Glück für immer" besitzt zweifellos diesen einzigartigen Zauber, den alle Königskinder Bücher besitzen. Ich habe es sehr gerne gelesen und wer nun interessiert ist, kann  gerne meine Rezension lesen. 
Weiter geht es im Lesemonat Oktober mit einem Buch, das schon sehr lange auf meiner Wunschliste stand. "Ein fast perfektes Wunder" von Andrea De Carlo klang wie eine zuckersüße und trotzdem eigene Liebesgeschichte und genau diese Versprechen hielt sie schlussendlich auch. Es geht um den ein wenig in die Jahre gekommenen Rockstar Nick und die Eisdielenbesitzerin Milena, die mit ihrer gemeinsamen Begegnung nicht nur ihre Leidenschaft füreinander entdecken, sondern auch die verloren gegangene Leidenschaft für das, was sie tun, wieder neu entfachen. "Ein fast perfektes Wunder" ist eine besondere Liebesgeschichte, die sehr viel Spaß macht und zwei Menschen zeigt, die für das, was sie tun, brennen. Erfrischend anders und für jeden, der in diesem Genre zu Hause ist genau das Richtige, aber auch für diejenigen, die bloß manchmal zu Besuch kommen. Wer es noch etwas genauer haben möchte, auch zu diesem Buch habe ich eine Rezension geschrieben.
Zum Schluss kommen wir nun - wie gewohnt - zu meinem absoluten Monatshighlight, obwohl dieses Buch eigentlich schon das zweite Mal das Highlight wurde. Ich habe vor ein paar Monaten die englische Version von "Das Lied der Krähen" von Leigh Bardugo gelesen, da es aber wohl zu den schwersten englischen Büchern gehörte, die ich jemals gelesen habe, habe ich entschlossen auch noch einmal zu der deutschen Übersetzung zu greifen. Ein weiterer Grund für diesen Entschluss ist natürlich auch die nicht zu bestreitende Tatsache, dass die Geschichte um den Meisterdieb Kaz einfach großartig geschrieben wurde. Kaz nimmt einen Auftrag an, den er nur mit einer ganz besonderen Truppe verwirklichen kann. Und die findet er glücklicherweise auch. "Das Lied der Krähen" erinnert ein bisschen an die Oceans Filme und ist trotzdem doch wieder etwas ganz anderes. Etwas, dass für jeden Fantasy Fan schon fast ein must-read ist. Auch hier gibt es eine Rezension von mir zu lesen.

So, das war er auch schon wieder. Mein Lesemonat Oktober. Kennt ihr schon eines der Bücher oder habt es sogar schon gelesen? Lasst es mich in den Kommentaren wissen. 

Ich wünsche euch einen schönen Abend.
Lisa. 

Mittwoch, 29. November 2017

Marie Graßhoff - Die Schöpfer der Wolken






Verlag: Drachenmond 
Seiten: 525
Erschienen: 12. Oktober 2017
Preis: 16.90 Euro (Ebook: 4.99 Euro)






Nach dem überraschenden Tod ihres Bruders Koba, ist Ciara am Boden zerstört. In letzter Zeit nahm der Kontakt zwar immer mehr ab, trotzdem pflegten die beiden Geschwister immer ein besonderes Verhältnis zueinander. 
Doch als Kobas Erbe offen gelegt wird, erlebt Ciara eine Überraschung. Sie erhält einen besonderen Auftrag von ihrem verstorbenen Bruder, der darin besteht sein letztes Manuskript nah Shanghai zu bringen, um es dort einen Verleger zu übergeben. 
Als Ciara in Shanghai eintrifft, erkennt sie allerdings schnell, dass hinter dem letzten Willen ihres Bruders ein viel größerer Plan steckt. Ein Plan, der mit Ciaras besonderer Fähigkeit zu tun hat, von der nur Koba wusste. Sie kann in die Träume anderer Menschen sehen. In Shanghai entdeckt Ciara, dass sie nicht die Einzige mit einer besonderen Fähigkeit ist und begegnet Menschen, die so sind, wie sie.
Als der gesamte Planet dann plötzlich von heftigen und mysteriösen Erdbeben erschüttert wird und die Uhren verrückt spielen, wird Ciara klar, dass sich in dieser Stadt nicht nur ihr Schicksal, sondern das der ganzen Welt entscheiden wird...

Als ich vor knapp einem Jahr "Kernstaub" von Marie Graßhoff gelesen habe, war ich erstaunt darüber, wie so eine gewaltige und komplexe Welt einfach so aus der Feder einer Autorin fließen kann. Dementsprechend neugierig war ich dann, was mich in ihrem neuen Buch "Die Schöpfer der Wolken" erwarten würde. 
Die Geschichte spielt im Shanghai einer unmittelbaren Zukunft und wieder war ich beeindruckt mit was für einer Präzision und Detailliertheit die Autorin das Bild von dieser gewaltigen Stadt für ihre Leser heraufbeschworen konnte. Obwohl wir in der Geschichte mehr als einmal purer Science-Fiction begegnen, hatte ich einzelne Situationen immer so deutlich vor dem inneren Auge, als würde ich beim Geschehen direkt daneben stehen. 
Das ist auch wichtig, denn, ähnlich wie bei "Kernstaub", muss man auch bei diesem Buch unbedingt aufmerksam den Handlungsstrang verfolgen, um diesen in seiner vollen Tragweite überhaupt erfassen zu können. "Die Schöpfer der Wolken" ist gewiss keine Geschichte, die zum lockeren Lesestoff für zwischendurch gehört. 
In verschiedenen Perspektivwinkeln und Erzählerrollen wird hier ein komplexes aber unglaublich spannendes Handlungsgerüst aufgebaut, in dem auch der ein oder andere Zeit- oder sogar Weltenwechsel statt finden kann. Nach und nach fließen die einzelnen Erzählstränge ineinander, so dass sich schließlich ein stimmiges Gesamtbild ergibt. Eine Lektüre für nebenher ist "Die Schöpfer der Wolken" nicht, trotzdem wird sich das aufmerksame Lesen in jeder Hinsicht auszahlen, da Marie Graßhoffs neues Werk eine unglaublich spannende, fantastische und actionreiche Geschichte geworden ist. 
Auch die Charaktere tragen einiges zum gelungenen Lesevergnügen bei. Sie sind unglaublich vielschichtig, obwohl sie sich immer ein Stück Geheimnisvolles bewahren. Das führte dazu, dass ich nie genau wusste, wie die nächsten Handlungen der Figuren aussehen, wer die Wahrheit sagt und wer möglicherweise sogar ein falsches Spiel spielt. Das brachte dann noch einmal zusätzliche Spannung in die Handlung.
"Die Schöpfer der Wolken" ist eine sehr gelungene Mischung aus Science-Fiction, Fantasyelementen und Dystopie geworden. Den einzigen Kritikpunkt, den ich anbringen würde, betrifft das Ende der Geschichte, das für mich zu plötzlich kam und gerne noch detaillierter hätte erzählt werden können. Möglicherweise lag es aber auch einfach daran, dass ich noch nicht Abschied nehmen wollte von diesem Shanghai, das gleichzeitig so faszinierend und furchterregend gewirkt hat. 
Ich muss zudem anmerken, dass ich die Figur des Koba gerne näher kennen gelernt hätte, weil es scheint, als wäre er ein unheimlich interessanter Mensch gewesen. Aber vielleicht ist seine Geschichte noch nicht erzählt worden, in einer Kurzgeschichte oder neuem Teil des "Die Schöpfer der Wolken" Universums? 
Nur ein Vorschlag... 

Donnerstag, 23. November 2017

Krystal Sutherland - Unsere verlorenen Herzen





Verlag: cbt
Seiten: 384
Erschienen: 25. September 2017
Preis: 14.99 Euro (Ebook: 9.99 Euro)





Henry war noch nie richtig verliebt. 
Während seine gleichaltrigen Schulkameraden sich von einem ins nächste Liebesdrama stürzen, hatte er dieses allumfassende und verschlingende Gefühl der großen Liebe noch nie verspürt, bis zu dem Tag, an dem Grace in sein Leben stolperte. Von nun an ist nichts mehr so, wie es einmal war, obwohl man Grace nicht wirklich ansieht, dass sie Teil eine der größten Liebesgeschichten überhaupt geworden ist. Mit ihren viel zu großen Klamotten sieht sie die meiste Zeit aus wie ein Junge. Zudem scheint Grace ein dunkles Geheimnis mit sich zu tragen, das so schwer auf ihr lastet, dass sie scheinbar permanent von einer traurigen Wolke umgeben zu sein scheint. 
Doch Henry lässt sich davon nicht beirren und setzt alles daran hinter Grace' mühsam aufgebauten Fassaden zu blicken, denn die große Liebe ist das doch wert, oder?

Als ich die letzten Zeilen von "Unsere verlorenen Herzen" von Krystal Sutherland gelesen habe, war ich zugegebenermaßen sehr überrascht. Durch das Cover und auch durch die Beschreibung des Inhalts der Geschichte, entsteht zunächst der Eindruck es mit einer typisch klischeehaften Liebesgeschichte zu tun zu haben, bei der man wahrscheinlich mehr als einmal die Augen verdreht, weil der Kitsch überhand nimmt. Am Ende quittiert man das Ganze dann mit einem nachsichtigen Lächeln und ordnet das Buch bei "Leichtes für zwischendurch" ein. Tatsächlich aber ist der Debütroman von Sutherland etwas ganz anderes geworden. Etwas, dass das Herz schwer macht, es vor Freude hüpfen lässt und etwas, dass noch ziemlich lange nachklingt.
Die Autorin schafft es mit einer treffischeren und fast schon liebevollen Präzision sich in ein jugendliches Herz zu denken und dabei auch die verschiedenen Typen von Teenagern herauszustellen. Da ist einmal der gutmütige und fast schon liebeskranke beste Freund von Henry, Murray, der ,sein Herz einmal verschenkt, alles daran setzt seine Angebetete für sich zu gewinnen, ob sie nun will oder nicht. Dann gibt es noch die clevere Lola, Henrys beste Freundin, die zu allem einen guten Rat weiß und alles dafür tut, ihre Freunde zu beschützen und natürlich Henry, der etwas schüchterne aber durchaus witzige normale Typ, der plötzlich das einzigartige und unverwechselbare Gefühl der Verliebtheit verspürt, dabei aber auch lernt, dass dieses Gefühl nicht nur Schmetterlinge im Bauch erzeugt, sondern auch verdammt weh tun kann. Die Figur der Grace war dann noch einmal etwas ganz anderes, da ihr dunkles Geheimnis ihr alle Möglichkeiten genommen hat wie ein normaler Teenager zu leben. Trotzdem gelingt es Sutherland auch hier Grace zerbrochene innere Gefühlswelt perfekt einzufangen und rüber zu bringen. 
Und das alles schafft die Autorin ohne auch nur an einer Stelle klischeehaft oder kitschig zu werden. Nichts an "Unsere verlorenen Herzen" wirkt überladen oder krampfhaft konstruiert. Es ist eine zarte und fast schon zerbrechliche Geschichte über das Erwachsenwerden geworden, der es weder an ernsthafte Themen, wie Trauer und Verlust, als auch an der genau richtigen Prise Humor fehlt. Es ist fast schon unmöglich die Figuren nicht sofort ins Herz zu schließen, weil sie unglaublich sympathisch sind und einfach richtig in der Geschichte wirken. Besonders Henry hat es mir angetan, weil ich die Tatsache eine jugendliche Liebesgeschichte aus der Sicht eines männlichen Protagonisten erzählt zu bekommen als angenehm und auch noch nicht sooft dagewesen empfunden habe. Henry macht es dem Leser ziemlich leicht ihn zu mögen und das nicht nur, weil er großer Harry Potter Fan ist. 
Am Ende von "Unsere verlorenen Herzen" wird deutlich, dass die Autorin mit ihrer Geschichte wirklich alles richtig gemacht hat, denn kein Ende hätte besser zu diesem Buch gepasst als das, das hier erzählt wurde. 
"Unsere verlorenen Herzen" ist ein Roman, den man nicht so schnell vergisst. Er verkleidet sich als typische Teenager Romanze und überrascht dann mit einer unglaublich Intensität und Tiefgründigkeit. 

Freitag, 17. November 2017

Klaus Cäsar Zehrer - Das Genie



Verlag: Diogenes
Seiten: 658
Erschienen: 23. August 2017
Preis: 25 Euro 
(Ebook: 21.99 Euro)





William James Sidis ist mit seinen elf Jahren ein absolutes Wunderkind. 
Als einer der jüngster Harvard Student aller Zeiten, steht er permanent in der Öffentlichkeit und wird von der Presse als Genie gefeiert. 
Sein Vater, Boris Sidis, ein bekannter Psychologe, vom brennenden Ehrgeiz angetrieben, steht mit dem Wunderkind-Status seines Sohnes ebenfalls im Rampenlicht. Boris' einziges Ziel war es immer die Welt mit Bildung zu verbessern und in William sieht er seinen absoluten Erfolg verkörpert, da er ihn von Geburt an mit einer speziellen Erziehungsmethode trainiert hat, wodurch, nach Boris' Ansicht, jedes Kind zum Genie werden kann. 
Doch als William älter wird, wird schnell deutlich, dass er etwas ganz anderes mit seinem Leben geplant hat, als sich seine Eltern für ihn ausgedacht haben. Und, dass er sein Leben genauso leben will, wie er es möchte, egal, was es kostet.

Ich habe jede einzelne Seite von "Das Genie" von Klaus Cäsar Zehrer geliebt. Obwohl das Buch mit seinen knapp siebenhundert Seiten schon recht üppig geraten ist, hätte ich noch tausend weitere Seiten vom unfassbar faszinierenden 'Harvard-Wunderkind' lesen können. 
Ich habe selten etwas vergleichbares Fesselndes gelesen wie die Lebensgeschichte von William James Sidis. Obwohl man korrekterweise anmerken muss, dass die Geschichte von "Das Genie" mit Williams Eltern, Boris  und Sarah, begann, was wohl auch eine Art Zeichen für den Rest der Geschichte setzen sollte. Sein gesamtes Leben kämpfte William gegen seine Eltern. 
Sein Vater, von Ehrgeiz zerfressen, will alles daran setzen die Welt durch Bildung zu verbessern. Mit seiner sogenannten 'Sidis-Methode' startete er bei seinem ersten Kind den Versuch einen perfekten Menschen zu erschaffen. Und damit beginnt auch das sehr lange anhaltende ambivalente Verhältnis des Lesers gegenüber dieser Vaterfigur. 
Zunächst stimmt man Boris' Prinzipien zu, dass Kinder bei frühst möglicher Förderung alles an Potenzial ausschöpfen können, was das Gehirn ihnen bietet. Als Leser ist man beeindruckt, dass man an William beobachten konnte, zu wie viel Leistung der menschliche Geist in der Lage ist. Auf der anderen Seite allerdings fehlt der Figur des Boris jegliches Empathie Gefühl. Boris ist nicht in der Lage zu sehen, wie das Experiment mit seinem Sohn langsam aber sicher scheiterte. Und genau das ist der Punkt, warum man fast atemlos durch die Seiten von "Das Genie" fliegt. Alle drei tragenden Figuren in Zehrers Geschichte,Boris, Sarah und William, begannen als Charaktere, die zweifellos besondere Fähigkeiten hatten, auf ihre Arten und Weisen mochten sie etwas in der Welt bewirken und strebten nach Höherem. Während die Handlung ihren Lauf nimmt, ist der Leser plötzlich Zeuge jeder einzelnen exzentrischen Verwandlung der Figuren, die diese an verschiedenen Zeitpunkten der Geschichte durchlaufen. Die Eigenarten nehmen immer mehr zu und man beginnt auch zu den beiden restlichen Charakteren ein ambivalentes Verhältnis aufzubauen.
Am tragischsten agiert dabei die Figur des William, der auf der ständigen Suche nach seinem Platz im Leben immer in Sackgassen zu enden scheint, aufgrund seiner Genialität und seiner absoluten Unfähigkeit im sozialen Interagieren. Auch wenn Williams Exzentrik am deutlichsten in diesem Roman dargestellt wurde, konnte ich nichts anderes für ihn empfinden außer Sympathie und Mitleid. 
Klaus Cäsar Zehrer hat mit "Das Genie" einen unglaublich großartigen Roman geschrieben. "Das Genie" handelt vom tragischen Scheitern eines bis hierhin mir völlig unbekannten real existierenden Menschen, den ich unglaublich bewundert habe. Trotzdem haftet Zehrers genial konstruierten Roman mit einer Mischung aus Fiktion und Realität, auch ein unbehagliches Gefühl an, mit dem Gedanken, was Sidis alles hätte bewirken können, wenn er sein volles Potenzial ausgeschöpft hätte. 
"Das Genie" gehört zweifellos zu den Geschichten, von denen man möglichst vielen Leuten erzählen will, von diesem unglaublich besonderen Menschen, der die Tragik seines Lebens noch nicht einmal erkennen konnte. Zehrers Werk ist zudem ein prägnantes Beispiel, warum ich dem geschriebenen Wort auf so intensive Art und Weise verfallen bin:
Bücher erzählen dir Geschichten von Menschen, die du ansonsten niemals kennen gelernt hättest. Und das wäre bei William ein sehr großer Verlust.
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