Dienstag, 11. Juli 2017

Carolin Hagebölling - Der Brief



Verlag: dtv
Seiten: 220
Erschienen: 09. Juni 2017
Preis: 14.90 Euro (Ebook: 12.99 Euro)






Wenn ein Brief dein Leben auf den Kopf stellt...

Als Marie einen Brief von ihrer alten Freundin aus Kindertagen erhält, denkt sie sich zunächst nichts weiter dabei. Beim Lesen wird ihr allerdings schnell deutlich, dass sich ihr Leben mit diesen Zeilen verändern würde. Denn in dem Brief ist von Maries Leben in Paris die Rede, von ihrem Mann Victor und der erfolgreichen Galerie, die die beiden gemeinsam führen. Marie allerdings wohnt in Hamburg, lebt glücklich mit ihrer Freundin Johanna zusammen und arbeitet als freie Journalistin. Zunächst versucht Marie den Brief zu ignorieren, schnell wird ihr aber klar, dass das nicht möglich ist. Sie entschließt sich nach Paris zu reisen, um dem Geheimnis des Briefes auf den Grund zu gehen, und findet sich in einem Leben wieder, das ihr gleichzeitig furchtbar vertraut und furchtbar fremd vorkommt...

Stellt euch vor, ihr bekommt einen Brief, der von einem Leben erzählt, das ihr nie gelebt habt. Der Klappentext von Carolin Hageböllings Debütroman "Der Brief" versprach eine ungewöhnliche und spannende Geschichte und ich wurde nicht enttäuscht. 
Wir begleiten die Protagonistin Marie bei ihrem Versuch ihr aus den Fugen geratenes Leben wieder in geordnete Bahnen zu lenken. Ein Leben, das wegen ein paar Zeilen in einem Brief völlig auf den Kopf gestellt wurde. Zugegeben, ich wusste nicht wirklich, was mich in der Handlung des Buches erwarten würde. Würde der Verlauf rational gehalten werden oder gab es einfach Dinge, die man sich nicht erklären kann, und dementsprechend mystische und geheimnisvolle Elemente würde es in "Der Brief" zu entdecken geben? Nach der Lektüre ist es wohl eine Mischung aus beidem. Carolin Hagebölling ist eine gewiefte Geschichte gelungen, die mit verschiedenen Realitäten spielt und die eine Faszination ausübt, die gleichsam anziehend und verstörend wirkt. Als Leser fliegt man nur so durch die Seiten, unsicher, ob man es mit einem unerklärlichen und mystischen Phänom zu tun hat oder ob man mit einer Protagonistin konfrontiert wird, die langsam aber sicher an die Grenzen ihrer geistigen Gesundheit gelangt. Die Autorin spielt wahrlich nicht nur mit den Realitäten, sondern auch mit den Wahrnehmungen ihrer Leser, in dem sie ihnen eine Richtung weist, die zunächst als absolut richtige erachtet wird, um dann nur kurze Zeit später in Scheinheiligkeit zu versinken. Die Botschaft in der Geschichte ist so deutlich, dass sie einem von jeder Seite entgegen scheint: Nichts ist so, wie es scheint. 
Du kannst glauben den richtigen Weg gewählt zu haben und das für dich richtige Leben zu leben, nur um dann herauszufinden, dass es bloß einer winzigen anderen Entscheidung bedarf, um dein ganzes Leben komplett zu ändern. Es ist schon erstaunlich, wie es der Autorin auf gerade einmal 220 Seiten gelingt existentielle Fragen des Lebens aufzuwerfen, die einen auch über das eigene Leben grübeln lassen und wie es möglicherweise aussehen würde, wenn man eine andere Abzweigung genommen hätte.
"Der Brief" ist eine atemlos spannende Geschichte geworden, dessen Ende nicht nur besonders klug, sondern auch aussagekräftig konstruiert wurde. Nichts ist so, wie es scheint. Eine Geschichte, die zu diesen Büchern gehört, die man an einem Tag liest, die aber noch lange danach durch den Kopf geistert. 

Mittwoch, 5. Juli 2017

Margaret Atwood - Das Herz kommt zuletzt



Verlag: berlin Verlag
Seiten: 400
Erschienen: 03. April 2017
Preis: 22 Euro (Ebook: 17.99 Euro)






Stan und Charmaine sind ein nettes und ganz normales Ehepaar. Durch die Wirtschaftskrise in Not geraten, fristen sie momentan allerdings ein trostloses Dasein in ihrem Auto. Ein Auto, als Wohnort, ist, in einem aus den Fugen geratenem Land, in dem die normalen Gesetze nicht mehr gelten und Kriminalität an der Tagesordnung ist, nicht unbedingt der ideale Rückzugsort. Aus diesem Grund entscheiden sich Stan und Charmaine relativ schnell für das Positron Projekt, ein soziales Experiment, das Sicherheit und geregelte Verhältnisse verspricht. Die Bedingungen des Projekts sind allerdings höchst fragwürdig. Jeden Monat wohnen die Bewohner der streng bewachten und abgeriegelten Stadt Consilience einmal in einem Haus, das ihnen zur Verfügung gestellt wird und einmal in einem Gefängnis, in dem sie den Status eines Gefangenen einnehmen. 
In ihrer Anfangszeit in Consilience läuft es bei Stan und Charmaine gut. Sie genießen ihr sorgenfreies Leben in ihrem neuen Haus, nichts ahnend, dass sie beide, unabhängig voneinander, eine sexuelle Obsession für ihre Hauspartner entwickeln, also dem Ehepaar, das ihr Haus bewohnt, während sich Stan und Charmaine im Gefängnis befinden. Doch dann geschieht das, was nie passieren sollte. Durch einen Fehler befinden sich die beiden plötzlich in verschiedenen Zyklen und die Ereignisse in Consilience beginnen sich zu überschlagen...

"Das Herz kommt zuletzt" von Margaret Atwood war mein bereits dritter gelesener Roman der Autorin. Ich bin demnach fleißig dabei meine Bildungslücke im Atwood Bereich zu schließen.
Zunächst hat mich der ungewöhnliche Klappentext des Romans auf die Geschichte aufmerksam gemacht. Ich wusste nicht, was mich erwarten würde. Ein Gesellschaftsroman? Eine Dystopie oder doch eher eine Liebesgeschichte? Nach der Lektüre von "Das Herz kommt zuletzt" kann ich nun sagen, dass es in Stans und Charmaines Geschichte um alles ein bisschen geht. Die Wirtschaftskrise hat das Land in großes Chaos gestürzt. Orte, an denen früher das pure Leben herrschte, gleichen nun einer Geisterstadt. Die bekannten Gesetze sind außer Kraft gesetzt und auf den Straßen herrscht Kriminalität und das Recht des Stärkeren. In dieser Welt verwandelt sich das Projekt Positron, anfangs als klassische Utopie gedacht, ganz schnell in eine Dystopie. Vor allem, weil die beiden Protagonisten nach und nach hinter die Fassaden des Projektes blicken und mit der unangenehmen Wahrheit konfrontiert werden. Stan und Charmaine fungieren dann dazu als Hauptfiguren der Liebesgeschichte, die allerdings auch nicht den Lauf nimmt, den man bei Liebesgeschichten normalerweise annehmen würde. Und dann ist da natürlich noch der Gesellschaftsroman, der sich, typisch Atwood mäßig, darin äußert, dass sich in "Das Herz kommt zuletzt" Gesellschaftsanklage an Gesellschaftsanklage reiht. Atwood lässt ein normales Paar in eine Extremsituation geraten und bietet ihnen, als scheinbar einzigen Ausweg, eine rettende Insel an, die sich aber schnell ebenfalls als Extremsituation entpuppt. Doch nur weil die Protagonisten hinter die Fassade des Projektes blicken, bedeutet das nicht automatisch, dass sie zu klassischen Helden avancieren, die einander und dann auch noch den Tag retten. Viel mehr symbolisieren Stan und Charmaine das musterhafte Profil eines Menschen, der sich um jeden Preis anpassen will. Jemand, der vielleicht viel redet und sich viel vornimmt, das aber nicht umsetzt. Stan und Charmaine sind keine Figuren, die ihr Schicksal in die Hand nehmen und etwas daran ändern möchten, sondern die sich von dominanten Persönlichkeiten führen lassen. Vom Verhalten der Protagonisten ausgehend, hat mich dann das Ende der Geschichte nicht weiter überrascht. 
Margaret Atwood konnte mich auch mit diesen Roman begeistern. Böse und scharfsinnig hält sie der Gesellschaft permanent einen Spiegel vor. Einer Gesellschaft, die nach Perfektion strebt und durch ihre eigenen Fehler immer wieder zurückgeworfen wird. Aber genau hier scheint auch die Botschaft der Geschichte versteckt zu sein und zwar, dass der Mensch nun einmal nicht perfekt ist, dass an diesem Umstand aber nichts auszusetzen ist, so lange man nicht vorgibt etwas zu sein, dass man nicht ist. 
"Das Herz kommt zuletzt" ist verrückt, die Geschichte macht Spaß und stärkt immer mehr den fortwährenden Eindruck, dass Margaret Atwood tatsächlich die coolste Autorin der Welt ist. 

Mittwoch, 21. Juni 2017

Jonas Winner - Murder Park




Verlag: Heyne
Erschienen: 13. Juni 2017
Seiten: 414
Preis: 12.99 Euro 
(Ebook: 9.99 Euro)







Herzlich Willkommen im Murder Park, treten Sie ein, wenn Sie sich trauen!

Ein Insel vor der Ostküste der USA, die vor vielen Jahren den Freizeitpark 'Zodiac Island' beheimatete. Einen Ort der Freude und des kindlichen Vergnügens, bis ein Killer drei Frauen auf bestialische Art und Weise in dem Park tötete und dieser daraufhin geschlossen wurde. 
Zwanzig Jahre später ist vom ursprünglichen 'Zodiac Island' nur noch ein paar Ruinen übrig geblieben. Doch die Insel soll durch ein neues Projekt wieder belebt werden. Der sogenannte 'Murder Park' steht ganz im Zeichen von berühmten Serienkillern und soll mit den Ängsten seiner zukünftigen Besuchern spielen. 
Paul Greenblatt schließt sich mit elf weiteren Personen einer Pressevorführung, vor der offiziellen Eröffnung des Parks, an und will das Wochenende auf dem ehemaligen Gelände von 'Zodiac Island' verbringen. Doch plötzlich geschieht ein Mord und schnell wird deutlich: ein Killer geht auf der Insel um. Jegliche Verbindungen zur Außenwelt werden gekappt und die nächste Fähre kommt erst in drei Tagen...

Obwohl das Szenario, das Jonas Winner in seinem Thriller "Murder Park" inszeniert schon unzählige Male in anderen Büchern und Filmen genutzt wurde, hat es für mich persönlich immer wieder einen ganz individuellen Reiz. Eine Gruppe von Personen, ausgesetzt und abgeschnitten von der Außenwelt, konfrontiert mit dem Unvollstellbarem und niemand, der weiß, ob sich ein unbekannter Mörder auf der Insel aufhält, oder ob der Killer möglicherweise sogar unter ihnen weilt. Jonas Winner bedient sich hier an einem Stoff, der sicherlich nicht neu ist, und trotzdem hat es mich überrascht, wie anders und wie neu "Murder Park" schlussendlich doch geworden ist.
Das lag vor allem an dem Protagonisten Paul, über den man zunächst im Unklaren gelassen wird. Lange ist man sich, als Leser, auch überhaupt nicht sicher, ob Paul wirklich die Hauptfigur in der Geschichte ist, bis dann, im Laufe der Handlung, immer mehr Details aus seiner Vergangenheit bekannt werden, die den Leser in wilde Spekulationen ausbrechen lassen und Paul einen mehr als deutlichen Status einer Hauptfigur verleihen. Der nächste Punkt dreht sich um die Schuldfrage. Natürlich wird mit dieser, angesichts des beschriebenen Szenarios, auf allen möglichen Arten und Weisen gespielt. 
Wer könnte der Killer sein?
Doch Jonas Winner hebt das Spielen mit der Schuldfrage noch einmal auf ein ganz neues Level, in dem er seine Figuren, die allesamt zunächst völlig undurchsichtig erscheinen, nach und nach immer sichtbarer macht. Das geschieht vor allem durch Unterbrechungen in der Erzählstruktur von "Murder Park", die sich in diesem Fall durch Interviews der einzelnen Protagonisten, durch einen Psychiater, der die Tauglichkeit der Personen für die Pressevorführung testen soll, äußern und immer wieder zwischen den einzelnen Kapiteln eingeschnitten wurden. So wird der Leser, genau wie bei der Hauptfigur Paul, schrittweise mit einzelnen Fragmenten der jeweiligen Vergangenheiten der Protagonisten konfrontiert und weiß dann irgendwann überhaupt nicht mehr, wer auf der Insel das mörderische Spiel treibt. 
Auch die Doppelmoral, die der Leser empfindet, wenn er erfährt, um was es eigentlich bei "Murder Park", als Attraktion, geht, möchte ich noch einmal hervorheben. Man reagiert empört auf die Idee einen Themenpark zu kreieren, bei denen reale Serienkiller im Vordergrund stehen und auch die Details zu dieser Idee, die erst im Laufe der Handlung ausführlich erörtert werden und auf die ich, aufgrund der Erhaltung der Spannung, an dieser Stelle nicht weiter ausführen, feuern diese Empörung noch einmal an.
Was ist mit den Angehörigen der Opfer?,denkt man sich als Leser moralisierend. 
Wie voyeuristisch muss man veranlagt sein, um so einen Park besuchen zu wollen?
Gleichzeitig entdeckt man sich selbst, als Leser, in dieser Rolle des Voyeurs, da man ganz klar Zuschauer der mörderischen Ereignisse im 'Murder Park' ist. Natürlich findet man diese Doppelmoral in vielen Thrillern, bei Jonas Winner's "Murder Park" ist sie mir allerdings auf jeder Seite ins Gesicht gesprungen. 
Der Schauplatz, der auf den Ruinen eines ehemaligen Freizeitparks angesiedelt ist, in dem gemordet wurde, steuert dann sicherlich sein Übriges zur absolut gruseligen Atmosphäre in "Murder Park" bei. Ein unglaublich spannender und gelungener Thriller, der bereits etwaig gezogenen Hitchcock Vergleichen absolut gerecht wird. Und um noch einmal auf die Schuldfrage zurückzukommen, mit dem Ende hätte ich nicht gerechnet. 

Donnerstag, 15. Juni 2017

Lesemonat Mai

Hallo und Herzlich Willkommen zu meinem etwas verspäteten Lesemonat Mai. Im vergangenen Monat habe ich mal wieder meine obligatorischen neun Bücher gelesen. Dieses Mal war kein Ebook dabei. Insgesamt waren es 3676 Seiten. Das waren die Fakten, dann können wir ja loslegen. 
Beginnen wir mit dem Auftakt der Trilogie von der Autorin V.E. Schwab. Bei "Vier Farben der Magie" war ich sehr gespannt, was mich erwarten würde. Und was mich erwartete war eine Menge. "Vier Farben der Magie" ist ein Schatz für alle Fantasy-Liebhaber, weil man hier alles findet, was wir lieben. Vier verschiedene Welten, immer geht es um die Stadt London in verschiedenen Versionen. Im roten London lebt die Magie, im grauen London ist sie längst vergessen, im weißen London stirbt die Magie und das schwarze London zeigt das beste Beispiel, was geschieht, wenn Magie und Macht missbraucht wird. Mittendrin der Held Kell, der als einer der wenigen zwischen den Welten wandeln kann. Immer begleitet von einer unglaublich sympathischen weiblichen Heldin, namens Lila, die während der Handlung eine ganze Menge Potenzial entwickelt. Ich freue mich wahnsinnig auf die Fortsetzung, die im November diesen Jahres erscheinen wird. 
Weiter ging es im Mai mit meinem ersten Buch von der Autorin Banana Yoshimoto. "Moshi Moshi" ist ein sehr ruhige aber gleichsam eindringliche Geschichte über das Erwachsenwerden, in der es um zwei Frauen geht, die eine persönliche Tragödie auf ihre ganz eigene individuelle Weise zu verarbeiten versuchen. Der Vater der Protagonistin Yotchan, ein bekannter Rockstar, begeht mit einer unbekannten Frau aus heiterem Himmel Selbstmord. Zurück lässt er seine Ehefrau und sein einziges Kind. In dem Künstlerviertel Shimokitazawa versuchen die beiden Frauen einen Neuanfang, um zwar nicht ihre Vergangenheit zu vergessen aber um ihre Zukunft neu zu gestalten. Besonders gefallen hat mir die leise Erzählweise in der Geschichte und die Umgebung, in der Yoshimotos Roman spielt. Es wird auf jeden Fall nicht das letzte Buch sein, das ich von der Autorin lesen werde. Wer es noch etwas genauen haben möchte, ich habe zu "Moshi Moshi" eine Rezension geschrieben. 
Eine weitere Autorenpremiere gab es im vergangenen Monat bei Ian McEwan. "Abbitte" war mein erster Roman des Autors und ich war gleichfalls gespannt, was mich erwarten würde. Obwohl ich ein paar Anfangsschwierigkeiten hatte, weil die Handlung gerade am Anfang sehr langsam erzählt wurde, habe ich mich sehr schnell an McEwans besonderen Schreibstil gewöhnt und langsam aber sicher immer mehr Gefallen an der Geschichte gefunden. "Abbitte" erzählt die Geschichte verschiedener Personen, deren Leben durch ein elementares Ereignis im Verhalten eines jungen Mädchen verändert wurde. Sehr oft war ich wie elektrisiert in der Handlung gefangen und habe gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist. Das Ende der Geschichte hat mich dann noch einmal komplett verblüfft, und hat "Abbitte" zu einem großartigen Roman gemacht, der mich dazu gebracht hat meinen McEwan Büchervorrat noch einmal aufzustocken. 
Das nächste Buch aus dem Lesemonat Mai kommt von den wundervollen Königskindern. "Der Koffer" von Robin Roe gehört zu diesen Büchern, die ich überall gesehen habe und somit immer neugieriger wurde. Als ich es dann schlussendlich gelesen habe, wusste ich nicht wohin mit meinen ganzen Emotionen. Noch nie zuvor wollte ich in eine Geschichte hineinkriechen, um einen Protagonisten die Kraft zu spenden, durch die Handlung zu kommen. Noch nie zuvor wollte ich bestimmten Figuren in der Handlung den Kopf waschen, damit sie endlich aufwachen. "Der Koffer" ist so wahnsinnig gut geschrieben und so emotional, dass es weh tut und man mit jeder weiteren gelesenen Seite auf ein Happy End hofft, nein, man betet beinahe dafür, weil man es nicht ertragen könnte, wenn es anders wäre. Wenn man "Der Koffer" liest, nur mit Taschentüchern und der Gewissheit, dass man diese Geschichte lange nicht mehr vergessen wird. 
Weiter ging es im Mai mit der Fortsetzung von einer Trilogie, deren erster Teil mich komplett überrascht hat. "The Cage- Entführt" war der Auftakt einer brisanten Science-Fiction Geschichte mit einer frischen Idee und jeder Menge unerwarteten Wendungen. Die Fortsetzung "Gejagt" reihte sich zunächst in die typischen Fortsetzungsbände ein, die die Aufgabe haben einen gewissen Grad an Schnelligkeit aus der Handlung zu nehmen. Doch der zweite Teil blieb trotzdem wahnsinnig interessant zu lesen, weil hier, neben der Ausweitung des Interaktionsraumes der Protagonisten, vor allem moralische Begebenheiten in den Vordergrund gekehrt werden und welche Verantwortung die Figuren in der Geschichte gegenüber ihren Mitmenschen haben. Wer es noch etwas genauer haben möchte, ich habe zu "The Cage-Gejagt" eine Rezension geschrieben. 
Das nächste Buch kommt von Leigh Bardugo, die man vor allem von ihrer Grischa-Trilogie kennt. "Six of crows" ist der erste Band eines Zweiteilers, der im Oktober, unter dem Titel "Das Lied der Krähen" auch in Deutschland erscheinen wird. Da ich aber eher der ungeduldigere Typ bin, musste ich es schon auf Englisch lesen, was man allerdings nicht unbedingt als leichte Aufgabe betrachten kann, da es tatsächlich das schwierigste englische Buch war, das ich jemals gelesen habe. Es hat sich allerdings mehr als gelohnt. "Six of crows" ist eine fantasyreiche Geschichte, die sogar das Grischa-Thema inne hat und von der Handlung her ein bisschen an die Ocean Filme mit Brad Pitt und George Clooney erinnert. Obwohl es für mich persönlich sehr schwierig zu lesen war, habe ich es keine Sekunde bereut, auch wenn ich mir wohl trotzdem noch einmal die deutsche Version holen werde. Man kann sich auf jeden Fall drauf freuen. 
Das nächste Buch, aus dem Monat Mai, habe ich sehr lange aufgeschoben. Das hatte wieder einmal den Grund, dass ich sehr ungeduldig bin und der fünfte, und bekanntlich letzte Teil, der Lockwood & Co. Reihe noch ein bisschen auf sich warten lässt. Irgendwann ging es dann aber nicht mehr, und ich musste "Das flammende Phantom" endlich lesen und wie das nun einmal so ist bei Buchreihen, in die man sich verliebt hat, man hat schnell das Gefühl wieder nach Hause zu kommen oder gute Freunde nach langer Zeit wieder zu sehen. Obwohl ein verspuktes London, in dem pünktlich zur Dunkelheit verschiedene Geister die Straßen bevölkern, natürlich nicht immer der beste Ort ist, um zurückzukehren. Aber was soll schon passieren, wenn man so viele coole Leute um sich hat, wie es in dieser Geschichte der Fall ist. Auch "Das flammende Phantom" macht dieser großartigen Reihe mal wieder alle Ehre und ich freue mich schon riesig auf das Finale, auch wenn es dann wieder heißt Abschied nehmen. 
Weiter ging es im Mai mit dem Buch "Sieben Minuten nach Mitternacht" von Patrick Ness, dessen Verfilmung letzten Monat in die Kinos kam. Das war auch der eigentliche Grund, warum ich schlussendlich das Buch vom Stapel ungelesener Bücher befreit habe. Lustigerweise habe ich den Film bis jetzt immer noch nicht gesehen, das Buch hat mir aber sehr gut gefallen und die Verfilmung werde ich so schnell wie möglich nachholen. 
Zum Schluss wie üblich mein ganz persönliches Monatshighlight und eine weitere Autorenpremiere. "Hexensaat" war - Schande über mein Haupt - mein erstes Buch von der Autorin Margaret Atwood, die diese Woche den Friedenspreis des deutschen Buchhandels verliehen bekommen hat. Und eine so herrliche Adaptionsart habe ich zuvor noch nie gelesen. "Hexensaat" ist eine mehr als ungewöhnliche Neuauflage von Shakespeares "Der Sturm" und ich habe mich verliebt auf allen Seiten in die Protagonisten und vor allem in den Schreibstil dieser wundervollen Autorin. Ich habe übrigens meinen Fehler z.T. schon behoben und mir jede Menge Bücher von Margaret Atwood nachbestellt, momentan lese ich "Der Report der Magd", das mich ebenfalls von Anfang an begeistert hat. Wer es zu "Hexensaat" noch etwas genauer haben möchte, auch hier habe ich eine Rezension geschrieben. 

Und das war er auch schon wieder. Mein Lesemonat Mai. Wieder waren durchweg gute Bücher und dann auch wieder großartige Bücher dabei. Ich bin gespannt, was mich im Juni erwarten wird.

Eure Lisa. 

Montag, 12. Juni 2017

Ann A. McDonald - Die Schule der Nacht




Verlag: penhaligon
Seiten: 445
Erschienen: 22. Mai 2017
Preis: 19.99 Euro (Ebook: 15.99 Euro)





Die Amerikanerin Cassandra Blackwell reist nach England, um die geheimnisvolle Vergangenheit ihrer verstorbenen Mutter zu ergründen. Mit im Gepäck hat sie ein mysteriöses Päckchen mit einer anonymen Nachricht, die folgendermaßen lautet:
"Du kannst dich nicht immer vor der Wahrheit verstecken. Bitte komm zurück, und bring alles zu einem guten Ende."
In dem Päckchen befindet sich zudem ein Foto ihrer Mutter in der schwarzen Robe der Oxford University. Cassandra, eine echte Überlebenskünstlerin, findet eine Möglichkeit sich in das alte College ihrer Mutter einzuschleusen und entdeckt schon bald eine Welt voller Traditionen, historischen Begebenheiten und exklusiven Privilegien. Zudem kommt die ehrgeizige Cassandra auf die Spur der geheimnisvollen Schule der Nacht, einer Geheimgesellschaft, um die sich zahlreiche Legenden ranken. Doch von dieser Geheimgesellschaft strahlt nicht nur eine unglaubliche Anziehungskraft auf Cassandra aus, die sie sich nicht erklären kann, sondern auch eine dunkle Macht. Zu spät erkennt Cassandra, dass sie sich in großer Gefahr befindet...

Neugierig gemacht bei dem Roman "Die Schule der Nacht" von Ann A. McDonald hat mich der unglaublich viel versprechende Klappentext. Trotzdem ging ich dann eher mit niedrigen Erwartungen an die Lektüre heran und war dann dementsprechend überrascht, dass ich sehr schnell einen Zugang in die Geschichte gefunden habe. Generell habe ich eine Schwäche für Bücher, in denen Geheimgesellschaften und etwaige Legenden, die sich um diese ranken, eine große Rolle spielen. Und "Die Schule der Nacht" hat sich diese Schwäche zu eigen gemacht, um eine Geschichte zu erzählen, die mich schlussendlich richtig begeistern konnte. 
Wir begleiten die Protagonistin Cassandra, wie sie, durch zahlreiche Unterlagen, historische Fakten und anonymen Hinweisen, langsam aber sicher das Puzzle um die Schule der Nacht zusammensetzt. Mir hat bei Cassandras Recherchen besonders ihre Hartnäckigkeit gefallen, was auch daran liegen mag, dass das Geheimnis um die Schule der Nacht und das Ergründen um die mysteriöse Vergangenheit ihrer verstorbenen Mutter irgendwann, innerhalb der Handlung, ineinander fließen. Von Bedrohungen oder Einschüchterungsversuchen, die bei dieser Art von Handlungsstrang irgendwann auftreten müssen, weil sich manche Geheimnisse nun einmal nicht gerne aufdecken lassen, hat sich die Protagonistin nicht beeindrucken lassen und konsequent ihren Weg fortgesetzt. Das hat dazu geführt, dass ich relativ schnell eine Verbindung zu Cassandra aufbauen konnte, und fast atemlos ihren Weg durch die dunkle Vergangenheit des Oxford Colleges mit verfolgt habe. Was mich zum zweiten Punkt führt, der mich dazu gebracht hat mich komplett in der Geschichte zu verlieren. 
Mit der Oxford University und dem Ort Oxford allgemein, lässt die Autorin ihr Buch in einer Umgebung spielen, an der es scheint, als würde an jeder Ecke Geheimnisse warten, die es zu erforschen gilt. Mit historischer Tiefe und einer unglaublichen Liebe zum Detail, vereint Ann A. McDonald hierbei historische Fakten, Fiktion und das Bild des alten und neuen Oxford miteinander, so wie es wohl nur jemand kann, der selbst dort studiert hat, wie es in der Autorenvorstellung deutlich wurde. 
"Die Schule der Nacht", das sind Geheimnisse, Rätsel, Mystik und Verschwörungen in einer Kulisse, die allein schon ihrer Geschichte all diesen Dingen ein perfektes Zuhause bietet. Aber vor allem ist "Die Schule der Nacht" eine Geschichte über eine junge Frau, die wissen möchte, wer sie ist und wohin sie gehört. Diese fast schon zart erzählte Heimatlosigkeit und die Suche nach seinem wahren Ich, verbunden mit einer unglaublich spannenden Handlung mit jeder Menge unerwarteten Wendungen und Nebencharakteren, die man nie ganz durchschauen kann, machen "Die Schule der Nacht" zu einem Buch, das nicht nur eine unglaubliche Faszination auf mich ausgeübt hat, sondern sich nahtlos in meinen Highlights einsortiert. 
Manch einer dieser besonderen Geschichte trifft man wahrscheinlich, wenn man am wenigsten damit rechnet. 

Donnerstag, 8. Juni 2017

(Teil 2) Leseliebeleien

Liebe Freunde,
in meiner neuen Rubrik 'Leseliebeleien' möchte ich meine kleinen, meist sehr emotionalen, Texte teilen, die ich über Bücher schreibe, die mich sehr begeistern und beeindrucken konnten. Ich habe mich dazu entschieden, dies, mit jeweils zwei Texten, in Teilen zu machen. Heute startet also Teil eins. 
Die Texte habe ich auf meiner Facebook Seite veröffentlicht und möchte somit eine kleine Sammlung anlegen.

Joey Goebel - Vincent 

Ich lege das Buch weg, schalte den Fernseher an und zappe mich ein bisschen durch das Programm. 
Eine von Kopf bis Fuß operierte Frau, die sich schöner machen wollte, schmettert verzehrte Töne einen in die Jahre gekommenen, sonnenbankgebräunten älteren Mann entgegen, der sich "Pop-Titan" nennt und damit brüstet alles in Gold zu verwandeln, was er anfasst, obwohl man eigentlich genau weiß, dass er schon lange nichts mehr berührt hat, was sich daraufhin in Gold verwandelt hat, außer seiner eigenen Haut. 
Auf einem anderen Sender tauschen Mütter Wohnorte, während woanders Sitcoms in Endlosschleife wiederholt werden und man sich fragt, ob die eigenen Darsteller sich selbst noch reden hören können.
Also schnell den Fernseher aus, das Radio angemacht, wo dann doch wieder Sender ihre Playlisten spielen, die bloß aus fünf Songs zu bestehen scheinen, die sich auch noch untereinander so ähnlich sind, dass man schwer unterscheiden kann, wo der eine Song aufhört und der andere anfängt, wenn man nicht schon vorher entnervt aufgegeben und das Radio ausgestellt hat.

Stille.
Keine neue Ideen.
Alles voller Wiederholungen.
Nur noch Remakes im Kino.
Und im Fernsehen werden Menschen bloß gestellt, weil diese sogar ihre Seele verkaufen würden, um nur einen Moment sich im Ruhm zu sonnen. Zu welchem Preis auch immer.
Es ist schon erschreckend, wie sehr man unsere momentane medientechnische Welt in Joey Goebel's "Vincent" wiederfindet. Eine Geschichte, die erzählt, wie ein begnadeter und unglaublich talentierter Künstler unsere Kultur retten soll, und dabei selbst bis zum Äußersten ausgemerzt wird. 
Ein großartiges Buch, in dem Rollen vertauscht werden, in dem auch das Thema 'Skrupel' einen bedeutenden Stellenwert bekommt. 
"Vincent" ist wichtig. Gerade in unserer heutigen Zeit. 

Ich nehme das Buch wieder in die Hand. Lächle, weil neben dem tieftraurigen Daseinsaspekt, den diese Geschichte inne hat, doch noch Hoffnung herumliegt.
Die Hoffnung und sogar die Gewissheit bald wieder hier zu sitzen, um ein gutes Buch zu lesen.


John Irving - Das Hotel New Hampshire

John Irving hat mir in den letzten Wochen etwas Wichtiges beigebracht. Dass man manchmal einfach dran bleiben muss, auch wenn man keine Motivation findet weiter zu machen. Dass man vielleicht etwas verliert, wenn man zu früh aufgibt. Und er hat so Recht, denn ich hätte eine einzigartige und bezaubernde Geschichte verloren.
Als ich "Das Hotel New Hampshire" aufgeschlagen habe, und die ersten Seiten anfing zu lesen, hat mich Irvings Schreibstil komplett überfordert. Ich kam einfach nicht zu dem Punkt, in dem ich mich in die Geschichte fallen lassen konnte und mehr als einmal habe ich überlegt das Buch beiseite zu legen und es möglicherweise ein anderes Mal weiter zu lesen  (Was man ja meistens sowieso nicht macht!)
Aber irgendetwas hielt mich zurück und ich las weiter. Es ist ein unglaublich eigentümlicher Zauber, der diesem Buch inne wohnt und der mich zwar ganz langsam aber doch stetig gefangen nahm und plötzlich habe ich eingecheckt im Hotel New Hampshire. 
Gott, was hat Irving für ein Talent seinen durchweg schrägen aber unglaublich originellen und besonderen Charakteren Leben einzuhauchen. Das ist ja so intensiv, dass es schon fast beängstigend ist. 
Ich habe selten etwas so Tragisches, Liebevolles, Bezauberndes, Trauriges, Melancholisches und absolut Besonderes gelesen. 
Und es war mein erster Irving, was hab ich da noch alles nachzuholen? 
Es gab Anlaufschwierigkeiten, doch dann war es Liebe auf den zweiten Blick.

Sonntag, 4. Juni 2017

Megan Shepherd - The Cage - Gejagt






Verlag: Heyne fliegt
Seiten: 432
Erschienen: 09. Mai 2017
Preis: 12.99 Euro (Ebook: 9.99 Euro)











Achtung! Die folgende Rezension könnte Spoiler zum ersten Band der Trilogie enthalten. 


Nach der missglückten Flucht aus ihrem künstlich angelegten Gehege der außerirdischen Raumstation der Kindreds, findet sich Cora auf der Hauptstation einer grausamen Safari wieder, in der die Kindreds unschuldige Tiere jagen, um weiter an der Menschheit zu forschen. Als eine Art Wildhüter werden Cora, Lucky und ein paar andere Jugendliche von der Erde, selbst wie Tiere gehalten und nur mit dem Mindesten ausgestattet. 
Nach Cassians Verrat an den Freunden, fällt es Cora sehr schwer dem Kindred erneut ihr Vertrauen zu schenken. Ihre widersprüchlichen Gefühle ihm gegenüber machen die ganze Situation nicht besser. Doch plötzlich erhält Cora brisante Informationen über ihren alten Heimatplaneten und es bietet sich ihnen erneut die Gelegenheit zur Flucht. Doch dieses Vorhaben gelingt nicht ohne Cassians Hilfe. Kann Cora ihm erneut vertrauen?

"The Cage-Gejagt" ist der zweite Band aus Megan Shepherds Trilogie und wie das bei Folgebänden häufiger der Fall ist, verliert der Handlungsstrang, während der Lektüre, etwas an Spannung. Trotzdem würde ich "Gejagt" als eine gelungene Fortsetzung bezeichnen, weil der Fokus auf andere Dinge gelegt wurde. 
Nachdem im ersten Band die Auflösung um Coras Entführung noch eine unglaubliche Frische und Aktualität in die Handlung brachte, gewöhnt man sich als Leser langsam an die ungewöhnliche Situation von Cora und ihren Freunden, auch wenn die Empörung über die Verhaltensweisen einzelner Kindreds gegenüber der menschlichen Spezies und gegenüber den Tieren bleibt. Der Eindruck, Zeuge eines permanenten Forschungsexperiments zu sein, bleibt auch im zweiten Band erhalten. 
Nachdem die Jugendlichen im ersten Teil größtenteils ihre gemeinsame Flucht im Kopf hatten, wirft der zweite Band plötzlich moralische Fragen in den Raum. Die Jugendlichen lernen in "Gejagt" mehr von der geheimnisvollen Raumstation kennen, der Aktionsradius weitet sich aus und sie erkennen, dass es noch viel mehr Entführungsopfer von der Erde gibt. Die moralische Instanz wird hierbei vor allem durch den Charakter 'Lucky' vertreten, der sich fragt, wie viel Verantwortung sie gegenüber den anderen Menschen auf der Raumstation haben. Und das macht den vorliegenden Band tatsächlich sehr interessant, weil auch der Leser in diesen moralischen Zwiespalt gerät, in dem er zwar den Protagonisten die Flucht aus ihrem Gefängnis aus vollem Herze gönnt, aber auch Luckys Bedenken nachvollziehen kann. Auch die Figur des 'Leon' erfährt im zweiten Band der Trilogie einen interessanten Charakterwandel, der ihn sogar teilweise als eine Art Heldenfigur erscheinen lässt. 
Das Setting, in dem die Geschichte spielt, ist sicherlich nach wie vor unglaublich bemerkenswert und gut konstruiert, vor allem, weil man im zweiten Band noch einen tieferen Einblick in den Handlungsort bekommt.
So bleibt die "The Cage" Trilogie eine Buchreihe, die mich sehr überraschen konnte, weil ich ihr im Vorfeld so viel Potenzial nicht zugetraut hätte. Ich freue mich schon auf den Abschluss der Trilogie. 

Sonntag, 21. Mai 2017

Banana Yoshimoto - Moshi Moshi




Verlag: Diogenes
Seiten: 304
Erschienen: 26. April 2017
Preis: 12 Euro (Ebook: 9.99 Euro)








Die junge Yotchan zieht von zu Hause aus. Ihr Weg führt sie in das angesagte japanische Viertel Shimokitazawa. Wenig später zieht auch Yotchans Mutter bei ihr in die Wohnung ein. Der Grund für das Zusammenleben der beiden Frauen ist ein sehr trauriger: Yotchans Vater, ein bekannter Rockmusiker, hat sich mit einer unbekannten Frau das Leben genommen. Völlig geschockt vom Ehemann und Vater auf so eine Art und Weise verlassen worden zu sein, versuchen die Frauen behutsam einen Neuanfang zu wagen. Eine große Hilfe ist ihnen dabei ihr neues Zuhause, das sowohl in kultureller, als auch in kulinarischer Hinsicht einiges zu bieten hat. 
Doch während ihres Weges aus der Trauer, müssen Yotchan und ihre Mutter immer wieder Rückschläge einstecken und begreifen, dass die Geister der Vergangenheit sicher nicht so leicht abschütteln lassen...

"Moshi Moshi" war mein erstes Buch von der Autorin Banana Yoshimoto und ich war sehr gespannt, was mich in der Geschichte erwarten würde. Leise aber unglaublich eindringlich erzählt die Autorin die Geschichte von Mutter und Tochter, die vom Selbstmord ihres Ehemannes und Vaters zunächst völlig aus der Bahn geworfen, langsam wieder ins Leben finden. Dabei wirkt die Geschichte an keiner Stelle zu schwer, wie man das von anderen Büchern kennt, die ein trauriges Hauptthema haben. 
Diese gewisse Leichtigkeit, die der Handlung anhaftet, hat vor allem mit der unmittelbaren Umgebung zu tun. Das Szeneviertel Shimokitazawa wird von Yoshimoto auf wunderbare Art und Weise beschrieben. Während des Lesens bekommt man fast selbst das Gefühl durch die bunten Gassen des Viertels zu flanieren, kulinarische Köstlichkeiten zu probieren und sich Geschichten von alteingesessenen Bewohnern anzuhören. Ich finde es persönlich immer sehr beeindruckend, wenn Autoren auf so eine intensive Art und Weise erzählen können, dass man am liebsten ins nächste Flugzeug steigen möchte, um sich selbst ins Getümmel zu stürzen. 
Innerhalb der Handlung hat mir besonders die gut dargestellte innere Zerrissenheit der Protagonistin Yotchan gefallen. Als sie von zu Hause auszieht, möchte sie unbedingt unabhängig werden. Als dann allerdings ihre Mutter vor ihrer Tür steht, bricht diese mühsam aufgebaute Unabhängigkeit in sich zusammen. Yotchan steht zwischen ihrer zweigeteilten Vergangenheit, die mit schönen Erinnerungen an ihre Kindheit durchflutet ist, die aber auch immer wieder von dem Selbstmord ihres Vaters überschattet wird und zwischen ihrer Gegenwart, in der sie die Beziehung zu ihrer Mutter neu definieren muss. Zudem sieht sie ihre Zukunft, in der sie erwachsen und unabhängig ein eigenständiges Leben führen will. Ganz besonders der mysteriöse Selbstmord von Yotchans Vater wirft sie immer wieder in die Vergangenheit zurück. 
"Moshi Moshi" ist eine kurzweilige, leichte und interessante Geschichte über das Erwachsenwerden geworden. Das Lebensgefühl Japans durchdringt jede Seite dieses Buches und es wird sicher nicht mein letztes Buch von Banana Yoshimoto gewesen sein. 

Montag, 15. Mai 2017

Margaret Atwood - Hexensaat





Verlag: Albrecht Knaus Verlag
Seiten: 314
Erschienen: 17. April 2017
Preis: 19.99 Euro (Ebook: 16.99 Euro)








Den Theatermacher Felix kann man schon fast als einen Exzentriker bezeichnen. Aber der Erfolg gibt ihm Recht. Mit zahlreichen mutigen und innovativen Inszenierungen hat er sich einen Namen in der Szene erarbeitet. Nun will er sein Meisterstück auf die Bühne bringen. William Shakespeare's "Der Sturm" soll Felix endgültig auf den Thron der Theaterregisseure bringen. Doch kurz vor der Premiere legt sein eigentlich treuer Assistent Tony seinen perfiden Plan offen und nimmt Felix seinen Posten weg. 
Tief getroffen zieht er sich zurück und verliert sich in Erinnerungen an seine Vergangenheit und an seine Leidenschaft: Shakespeare's Sturm, dieses wundersame Werk voller Magie, Täuschung und Illusion, sollte ihn nicht nur dazu verhelfen noch berühmter zu werden, sondern auch eine private Tragödie zu vergessen. Felix, in seiner selbst auferlegten Isolation, sinnt immer mehr auf Rache an seinen einst treusten Mitarbeiter und zwölf Jahre später bekommt er die Gelegenheit, als ein unverhoffter Zufall seinen Feind in seine Nähe bringt...

Bei den vielen Büchern, die ich bereits gelesen habe, war ich immer der Meinung, dass ich die meisten Erzählformen kennen würde. Margaret Atwood's "Hexensaat" hat mich in der letzten Woche eines Besseren belehrt. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass es tatsächlich der erste Roman war, den ich von der Autorin gelesen habe. Da sich "Hexensaat" aber nahtlos zu meinen bisherigen Highlights des laufenden Jahres gesellt, wird es ganz sicher nicht der letzte Roman von Margaret Atwood gewesen sein. 
Dabei muss ich gestehen, dass sich der Sturm am Anfang des Romans eher wie ein laues Lüftchen angefühlt hat. Ein etwas in die Jahre gekommener Theatermacher, der den Höhepunkt seiner Karriere mit seinem Karriereende verwechselt hat, und nun, aufgrund einer gemeinen Intrige, sich aus der Welt zurückzieht und seine selbst auferlegte Einsamkeit mit einer extra Portion Selbstmitleid würzt. Das klang erst einmal nicht nach einer Ausgangssituation, die noch viel für den Rest der Geschichte verspricht. Doch weit gefehlt. Das laue Lüftchen des ersten Leseeindrucks wurde schnell zu einem rauen Wind und dann zu einem tosenden Sturm, bei dem ich den Protagonisten Felix und seiner Schöpferin Margaret Atwood schon während des Lesens mehrmals applaudieren wollte. Verzeiht mir die Sturm Metaphern, aber so lässt es sich einfach am besten beschreiben.
"Hexensaat" ist eine Hommage, eine Verneigung vor dem großen William Shakespeare. Die Handlung und die Figuren des Stücks "Der Sturm" werden in "Hexensaat" nicht nur auf moderne Art und Weise neu interpretiert, sondern in liebevoller Kleinarbeit in die Handlung des Romans eingeflochten. Es ist schon erstaunlich, wenn eine Autorin es schafft ein Theaterstück in einem Roman so lebendig werden zu lassen, dass man das Rauschen des Meeres und den tosenden Sturm beinahe hören kann. Shakespeare's Werk ist in "Hexensaat" an jeder Ecke so präsent. "Der Sturm" steht hier wieder auf, versprüht seinen Zauber auf die Handlung, auf die Figuren und vor allem auf die Leser, um sich dann mit tosendem Applaus verabschieden zu lassen. 
Man muss das Stück zudem nicht kennen, um "Hexensaat" zu lesen. Ich kannte es auch nicht. Ich würde sogar so weit gehen, um zu behaupten, dass es sogar besser ist es nicht zu kennen, weil man Margaret Atwood's Buch am Ende der Geschichte, bei einer kurzen Zusammenfassung von "Der Sturm", noch einmal einen Extraapplaus spendiert. 
Auch wenn ich meine Anfangsschwierigkeiten hatte, konnte mich "Hexensaat" schlussendlich mehr als begeistern. Wer besondere Geschichten liebt, die sich, gerade in der Erzählweise, vom Rest unterscheiden, der ist mit diesem Buch gut bedient. Und für Shakespeare Fans ist Felix Geschichte sowieso ein Muss. 

Also hinsetzen, der Vorhang geht gleich auf und lasst euch begeistern! 

Montag, 8. Mai 2017

(Teil 1) Leseliebeleien

Liebe Freunde,
in meiner neuen Rubrik 'Leseliebeleien' möchte ich meine kleinen, meist sehr emotionalen, Texte teilen, die ich über Bücher schreibe, die mich sehr begeistern und beeindrucken konnten. Ich habe mich dazu entschieden, dies, mit jeweils zwei Texten, in Teilen zu machen. Heute startet also Teil eins. 
Die Texte habe ich auf meiner Facebook Seite veröffentlicht und möchte somit eine kleine Sammlung anlegen.
Ich hoffe, so bekommt eure Wunschliste Nachschub. In den Kommentaren könnt ihr mir gerne schreiben, wie eure Meinungen zu meinen Leseliebeleien aussehen :)


Hanya Yanagihara - Ein wenig Leben


Wie kann ein Buch gleichzeitig die schönste, schlimmste, grausamste, am besten geschriebene, beeindruckendste, qualvollste, großartigste Geschichte beinhalten, die man je gelesen hat?
Wie kann man versuchen ein Buch zu beschreiben, das sich mit Worten nicht beschreiben lässt?
So ein lächerlichen Alphabet mit 26 Buchstaben? Wie sollen diese jemals nur ansatzweise das heraufbeschwören können, was "Ein wenig Leben" mit mir gemacht hat? Und doch hat "Ein wenig Leben" ironischerweise nur diese absurde kleine Anzahl an Buchstaben gebraucht, um zu einem Buch zu werden, das ich nie wieder vergessen werde.
Weil man es nicht vergessen kann. Weil es dich zerstört mit jeder Seite ein kleines bisschen mehr. Weil du bitterliche Tränen weinst, weil Sätze und Wörter, so intensiv und berauschend erzählt, dir um die Ohren fliegen, dass du glaubst, dass du es nicht schaffen kannst. Dass du diese Geschichte nicht schaffen kannst. "Ein wenig Leben" hat mir leserisch alles abverlangt. ALLES! Und dann es hat dieses ALLES genommen und hat es noch einmal verstärkt, es noch einmal ein bisschen unerträglicher gemacht. 
"Ein wenig Leben" hat mich an eine Klippe gebracht, um mich dort stehen zu lassen und zu sagen: "Was ist los? Heulst du, weil du nicht fassen kannst, dass Bücher auch solche Geschichten erzählen können? Heulst du, weil es keine Gute Laune Welt ist, die du hier betrittst? Willst du aufgeben? Jetzt? Einfach so? Oder springen und es zuende bringen?" 
Mehr als einmal war ich an diesem Punkt, an dem ich geglaubt habe, dass es nicht weiter geht. An dem ich im Kampf erschöpft zu Boden gesunken bin und gedacht habe: "Ich kann nicht mehr, hier ist meine weiße Fahne! Ich geb auf!" An dem ich so viel Abstand, wie es ging zwischen mir und dieser Geschichte bringen wollte.
Aber irgendetwas hat mich immer wieder zurückgezogen, so sehr, dass ich die zweite Hälfte des Buches, obwohl ich für die erste Hälfte über zwei Wochen gebraucht habe, in drei Tagen zu Ende gelesen habe. 
Und nun sitze ich hier. Voller blauer Flecke, die nicht eingebildet sind. Diese Geschichte hinterlässt Spuren in der Seele, die niemals verblassen werden, obwohl "Ein wenig Leben" ein Buch ist, was ich nicht explizit weiter empfehlen würde. Es ist noch nicht einmal eine Geschichte, die man gelesen haben muss. Aber wenn man sich drauf einlässt, dann mit ALLEM.
Mit dem Schmerz, mit den blauen Flecken, mit den Tränen, mit der Klippe, mit der Angst die nächste Seite umzublättern. Mit Angst, die sich nicht erklären lässt, weil es nicht real ist. Und doch ist es so real, dass es weh tut. Und dass es eine Wunde ist, die lange braucht, bis sie wieder heilen kann. Wenn sie es überhaupt tut.

"Wir brauchten mehrere Tage, um ihn zu lesen, denn obwohl er nicht lang war, war er zugleich endlos, und wir mussten immer wieder die Seiten niederlegen und uns von Ihnen entfernen, um uns dann gegenseitig zu wappnen- Bist du bereit?-, uns hinzusetzen und ein weiteres Stück zu lesen."

(Seite 956)


Angie Thomas - The hate u give 



Manche Geschichten hinterlassen ein gutes Gefühl tief in deinem Inneren, ein Gefühl, an das du dich noch lange Zeit erinnerst, und es dann immer so ist, als würden die ersten warmen Sonnenstrahlen nach einem langen Winter auf deine Haut treffen.

Manche Geschichten hinterlassen einen so tiefen Eindruck, dass du jedem, den du triffst unbedingt davon erzählen musst. Du willst ihn überzeugen, dass es genau dieses Buch ist, was man unbedingt lesen musst. Weil es wichtig ist. Weil es zur genau richtigen Zeit kommt. 

Manche Geschichten machen dich stark. Sie machen dich stark gegen die Ungerechtigkeiten, die das Leben dir immer dann vor die Füße wirft, wenn doch eigentlich alles gut läuft. Diese Geschichten sagen dir, dass du alle Hürden überwinden kannst. Wenn du stark bist. Wenn du mutig bist. Wenn du nicht aufgibst. 

"The hate u give" ist all das zusammen.
Es macht wütend, es bringt dich zum Lachen, es bringt dich zum Nachdenken über die schwerwiegenden Fehler, die unsere Gesellschaft immer noch hat, und leider wohl auch immer haben wird. Es macht glücklich. Es ist aktuell. So hochbrisant und genau deswegen so wichtig! Aber es bringt dir auch immer wieder diese warme Gefühl, dass es wichtig ist seine Stimme zu erheben, weil Worte so viel ausrichten, und so viel verändern können. Und weil es wichtig ist, mutig zu sein. 


"Sometimes you can do everything right and things will still go wrong. The key is to never stop doing right."

Sonntag, 7. Mai 2017

Lesemonat April

nicht im Bild: "Herz auf Eis"
Liebe Freunde, 
herzlich Willkommen zu meinem Lesemonat April. 
Im vergangenen Monat habe ich acht Bücher gelesen, insgesamt waren es 3846 Seiten. Obwohl es vergleichsweise wenig Bücher waren, waren doch zwei Highlights dabei. Welche das sind, das kommt zum Schluss des Lesemonats. Dann haben wir jetzt die Fakten geklärt, es kann los gehen.
Los geht es mit einem spannenden Science Fiction Abenteuer aus dem Goldmann Verlag. "Dark Matter - Der Zeitenläufer" von Blake Crouch stand schon sehr lange auf meiner Wunschliste und das völlig zurecht. Mit einer ungewöhnlichen Handlung hat der Autor eine spannende Geschichte geschrieben, bei der eine interessante und, mir persönlich, vorher völlig unbekannte wissenschaftliche Theorie vorgestellt wurde, die Viele-Welten Theorie. Dabei wird ausgesagt, dass ein Dutzend Welten neben der existieren, die wir kennen, und das in jede dieser Welten ein anderes Ich von uns ein Leben führt, das von anderen Entscheidungen geführt wird. Und genau diese Theorie ist auch das Thema in "Dark Matter". Ein Buch für alle Science-Fiction Fans und die, die es noch werden wollen. Wer neugierig geworden ist, ich habe zu Blake Crouchs Roman eine Rezension geschrieben. 
Weiter ging es mit einem Buch, das schon sehr lange in aller Munde war. Ich war sehr gespannt auf "Den Mund voll ungesagter Dinge" von Anne Freytag. Ihr erster Jugendroman "Mein bester letzter Sommer" hat mir zwar auch gefallen, aber ich fand die Geschichte generell emotional etwas schwer, dagegen ist "Den Mund voll ungesagter Dinge" sehr leicht und gefühlvoll geschrieben. Erzählt wird dort die Geschichte von der siebzehnjährigen Sophie, die mit ihren Vater zu seiner Freundin von Hamburg nach München zieht. Sophie ist zu Beginn der Meinung, dass ihr Leben mit dem Umzug nach München vorbei wäre, doch dann lernt sie Alex, das Nachbarsmädchen kennen, und zwischen den beiden beginnt sich eine zarte Liebesgeschichte zu entwickeln. Ich habe "Den Mund voll ungesagter Dinge" sehr gerne gelesen, und noch eine Rezension zu dem Buch geschrieben.
Das nächste Buch aus dem Lesemonat April kommt von Benedict Wells. "Becks letzter Sommer" war bereits mein dritter Roman, das ich von dem Autor gelesen habe und mit Becks Geschichte ist Benedict Wells nun endgültig in der Riege meiner Lieblingsautoren angekommen. Ich liebe Roadtrips in Büchern und hier kommt dazu noch eine unglaubliche Besonderheit der Figuren, die das Buch zu einer unglaublich guten Geschichte gemacht haben. Vor allem möchte ich noch einmal den einzigartigen und lieb gewonnenen Schreibstil des Autoren hervor heben, bei den man sich sofort fühlt, als würde man nach Hause kommen. Jetzt bleibt leider nur ein Buch ("Fast genial") von Benedict Wells zu lesen, bevor ich hoffen muss bald wieder neuen Lesestoff zwischen die Finger zu bekommen. 
Dann gibt es noch von einem weiteren wunderbaren Buch aus dem Königskinder Haus ,im April, zu berichten. "Barney Kettles bewegte Bilder" von Kate de Goldi gehörte ebenfalls zu den Büchern, die schon seit Ewigkeiten auf meiner Wunschliste standen, eigentlich seit ich es in der Verlagsvorschau entdeckt habe. Es geht um den bald sehr berühmten Regisseur Barney Kettles, der mit seiner Assistentin und Schwester einen Film über die Straße drehen möchte, in der die beiden mit ihren Eltern wohnen. Barney und seine Schwester ahnen aber nicht, was für unglaubliche Geheimnisse in ihrer Straße lauern, die an sich, durch ihren vielen ungewöhnlichen Einwohnern und geschichtsträchtigen Gebäude, etwas Besonderes ist. Unglaublich besonders und berührend erzählt mit einer völlig unerwarteten Wendung, die mich beim Lesen richtig nach Luft schnappen ließ. Wer es noch etwas genauer möchte, auch zu "Barney Kettles bewegte Bilder" habe ich eine Rezension geschrieben. 
Dann gab es noch "Die Geschichte der Bienen", das ich im April gelesen habe. Maja Lundes Bestseller aus Norwegen besticht vor allem mit einer sehr ungewöhnlichen Erzählstruktur, bei der die Autorin den Blickwinkel von drei verschiedenen Personen einnimmt, die aber zu unterschiedlichen Zeiten leben. Williams Geschichte spielt im 19. Jahrhundert, George lebt in unserer Gegenwart und Tao im Jahr 2098 in der Zukunft. Alle drei Erzählstränge verbinden die Geschichte der Bienen, die in der Vergangenheit noch unzählig vorhanden sind, in unserer Gegenwart langsam aber sicher den Bienensterben erliegen und in der Zukunft völlig ausgestorben sind. Auch andere erzählerische Merkmale verbinden die drei Geschichten. Diese Verbindung zieht Maja Lunde wirklich beeindruckend präzise, und auch ansonsten konnte mich das Buch, bis auf ein paar kleine Mängel, überzeugen. Auch zu "Die Geschichte der Bienen" habe ich eine Rezension geschrieben. 
Weiter ging es im vergangenen Monat mit einem Buch, das sich mit dem ungewöhnlichen Klappentext in mein Interesse geschlichen hat. In "Herz auf Eis" von Isabelle Autissier geht es um ein Pärchen, das, aufgrund eines Sturms, auf einer einsamen Insel landet. Eine typische Robinson Crusoe Geschichte im modernen Stil? Weit gefehlt. "Herz auf Eis" ist düster, direkt und ehrlich. Es zeigt eine Extremsituation, in der Fragen nach gegenseitigen Zuneigungen irgendwann zweitrangig werden. Und immer ist da diese Frage: Was würdest du an dieser Stelle machen? Obwohl das Buch noch nicht einmal 250 Seiten hatte, wirkt es unheimlich lange nach und ist eine sehr lesenswerte Geschichte geworden. 
Kommen wir nun zu meinem ersten Lesehighlight aus dem Monat April. "The hate u give" von Angie Thomas geisterte plötzlich durch alle sozialen Netzwerke. Es hieß, wenn man dieses Jahr nur ein Buch lesen würde, dann sollte es dieses sein, und dieser Aussage kann ich vorbehaltslos zustimmen, obwohl ich natürlich der Ansicht bin immer möglichst viele Bücher zu lesen. Aber "The hate u give" ist besonders, nicht nur, weil es ein unglaublich aktuelles Thema behandelt, Polizeigewalt gegen- und Tötungen an unbewaffneten afroamerikanischen Jugendlichen, sondern die Geschichte aus einer ungewöhnlichen Perspektive erzählt wird. Es ist die Perspektive eines jungen Mädchens, die ihren besten Freund aus Kindertagen bei einer Polizeikontrolle sterben sieht, weil der Polizist den unbewaffneten Jungen vor ihren Augen erschoss. Das Buch erscheint am 24. Juli auf Deutsch und ich kann nur jedem empfehlen es zu lesen. 
Zum Schluss kommen wir zu einem Buch, das zu einem der besten und schlimmsten Büchern gehört, die ich jemals in meinem Leben gelesen habe. "Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara. Man kann dieses Buch eigentlich nicht wirklich beschreiben, weil das Alphabet einfach eine viel zu geringe Anzahl an Buchstaben hergibt, die dieser Geschichte gerecht werden können. "Ein wenig Leben" werde ich niemals wieder vergessen können, denn es hat mich an meine emotionale Belastungsgrenze gebracht. Nicht nur einmal wollte ich aufgeben und diese fast tausendseitige Geschichte weglegen. Weil ich nicht mehr konnte, weil mich die Geschichte emotional überforderte und ich den Schmerz fast nicht mehr ertragen konnte. Doch dann war da wieder dieser unerklärliche Sog, der mich schließlich dazu gebracht hat die zweite Hälfte des Buches innerhalb von drei Tagen zu beenden. "Ein wenig Leben" ist nicht für jedermann geeignet, ich würde sogar behaupten es ist eine Geschichte, die man noch nicht einmal gelesen haben muss. Doch wenn man sich dazu entscheidet, dann muss man alles von sich investieren. Oder mit wehenden Fahnen untergehen. Für mich ein absolutes Jahreshighlight. 

Das war er auch schon wieder. 
Mein Lesemonat April. Insgesamt war ich sehr zufrieden mit den Büchern, die ich gelesen habe und freue mich schon auf die, die mich im Mai erwarten.

Ich wünsche euch einen schönen Abend. 
Lisa. 

Montag, 1. Mai 2017

Maja Lunde - Die Geschichte der Bienen





Verlag: btb
Seiten: 510
Erschienen: 20. März 2017
Preis: 20 Euro (Ebook: 15.99 Euro)








England, 1852:
William, Biologe und Ladenbesitzer, kann seit Wochen das Bett nicht mehr verlassen. Gescheitert mit seinen Forschungen steht er vor den Scherben seines Lebens. Doch dann dreht sich plötzlich das Blatt. Ihm kommt die revolutionäre Idee eines völlig neuartigen Bienenstocks. Eine Idee, die alles verändern könnte...
Ohio, 2007:
George, Imker aus Leidenschaft, steckt sein gesamtes Herzblut in seinen Bienenhof, den sein Sohn Tom später einmal übernehmen soll. Doch der interessiert sich nur für sein Studium und fürs Schreiben. Und wenn das nicht schon genug ist, passiert das Unfassbare: Die Bienen verschwinden. 
China, 2098:
Tao lebt in einer Welt, in der es keine Bienen mehr gibt. Von Hand müssen die Menschen die Bäume bestäuben, um ihr Überleben zu sichern. Tao arbeitet hauptsächlich für ihre Familie, und vor allem für ihren kleinen Sohn Wei-Wei, der es einmal besser haben soll. Doch dann geschieht mit Wei-Wei plötzlich ein großes Unglück, und nichts ist mehr wie vorher...

Mit "Die Geschichte der Bienen" ist der Autorin Maja Lunde aus Norwegen ein internationaler Bestseller gelungen. Mich persönlich hat vor allem die ungewöhnliche Erzählstruktur in dieser Geschichte angesprochen, die sich auf drei unterschiedlichen Zeitebenen bewegt. 
Der Titel ist Programm. Geschickt erzählt die Autorin eine Geschichte der Bienen, die im 19. Jahrhundert mit dem erfolglosen William ihren Anfang nahm, in unserer Gegenwart langsam aber stetig die Katastrophe mit dem plötzlichen Bienenschwund einleitet, und die dann in einem erschreckenden Zukunftsbild, im Jahre 2098, ihren Höhepunkt fand. In einer Welt ohne Bienen, in der die Menschen verzweifelt gegen den Hunger kämpfen. 
Aber nicht nur die Bienen ziehen sich durch diese drei geschichtlichen Ebenen, denn auch, wenn man zunächst den Eindruck hat, es hier mit drei völlig eigenen Handlungssträngen zu tun zu haben, trügt dieser Eindruck. Obwohl 246 Jahre zwischen dem Protagonisten 'William' und der Protagonistin 'Tao' liegen, gelang Maja Lunde das Kunststück alle drei Geschichten auf eine fast schon zarte Art und Weise zu verbinden. Auch in einem erzähltechnisch unabhängigen Motiv erkennt man einen Zusammenhang zwischen den drei Zeitebenen. In jeder Geschichte spielt eine Eltern-Sohn Beziehung eine besondere Rolle. Während William auf verzweifelte Art und Weise versucht bei seinem Sohn mit seinen Arbeiten Eindruck zu schinden, versucht George seinen Sohn Tom für den Familienbetrieb zu begeistern, ohne zu erkennen, dass seine Interessen sich geändert haben. In der Zukunft, in der Tao, im Gegensatz zu ihrem Mann Kuan, den zweifellos dominanten Elternteil darstellt, spielt dagegen ein schreckliches Unglück, im Zusammenhang mit ihrem Sohn, eine tragende Rolle.
Die besondere Erzählstruktur und die raffinierte Verwebungen der Geschichten untereinander, machen "Die Geschichte der Bienen" zu einem gut geschriebenen und interessanten Roman. Auch die Charaktere in Maja Lundes Buch waren gut ausgearbeitet. Allerdings konnte ich nicht wirklich eine Beziehung zu ihnen aufbauen, was daran lag, dass die Erzählsicht sich pro Kapitel ändert und ich mich, als Dauer-Zeitreisende, somit nicht optimal mit einer Figur auseinander setzen konnte. 
Zusammenfassend hat mir "Die Geschichte der Bienen" aber sehr gut gefallen. Ein sehr lesenswerter Roman, bei dem man auch den Realitätsfakt nicht außer Acht lassen sollte. Das Bienensterben in unserer Gegenwart ist keine Fiktion. Somit ist Maja Lundes Buch auch eine gute Gelegenheit sich persönlich für dieses Thema zu sensibilisieren. 

Montag, 17. April 2017

Anne Freytag - Den Mund voll ungesagter Dinge




Verlag: Heyne fliegt
Seiten: 400
Erschienen: 06. März 2017
Preis: 14.99 Euro (Ebook: 11.99 Euro)







Das ist Sophie. 17 Jahre alt.
Von ihrer Mutter als Baby verlassen und seitdem auf der Suche diesen Verlust irgendwie auszugleichen. 
Um dem Ganzen die Krone aufzusetzen, verkündet ihr Vater plötzlich, dass er mit Sophie von Hamburg nach München zu seiner neuen Freundin und ihren zwei kleinen Söhnen ziehen will. Aus ihrem alten Leben herausgerissen, fühlt sich Sophie wie der am meisten missverstandene Mensch auf diesem Planeten.
Was haben die Leute bloß immer mit dieser Liebe?
Sophie selbst war noch nie verliebt, es gab da schon ein paar Jungs, doch nach ihren Erfahrungen brachten ein paar Jungs auch immer ein paar Probleme mit sich.
Doch dann tritt Alex, das Nachbarsmädchen mit den grünen Augen und dem ansteckenden Lachen, in Sophies Leben. Und dieses Leben wird besser und aufregender. 
Bis ein Kuss alles verändert...

Schon im Vorfeld habe ich einige Meinungen zu dem neuen Roman von Anne Freytag "Den Mund voll ungesagter Dinge" zu lesen und zu hören bekommen. Und anders als bei ihrem Jugendbuchdebüt "Mein bester letzter Sommer" waren auch einige negative Stimmen mit dabei. Viele mochten die Protagonistin nicht, oder waren mit der Art und Weise nicht einverstanden, wie einzelne Themen in der Handlung angegangen wurden. Aufgrund der vielen unterschiedlichen Meinungen war ich natürlich dementsprechend neugierig wie mir "Den Mund voll ungesagter Dinge" gefallen würde, und schlussendlich noch überraschter, dass es mir sogar besser als "Mein bester letzter Sommer" gefallen hat.

Dabei kann ich sogar die Kritikpunkte nachvollziehen, ich hatte auch meine Probleme mit Sophie. Ich fand sie egoistisch und konnte nicht fassen, wie sie in vielen Situationen reagiert hat. Kurz darauf habe ich mir allerdings schon wieder die Frage gestellt, wie ich reagiert hätte, wenn ich mit 17 Jahren, von der Mutter als Kind verlassen, von meinem Vater aus vertrauter Umgebung gerissen in eine fremde Stadt, in ein fremdes Haus mit fremden Menschen gezerrt worden wäre. Mit meinen 28 Jahren würde ich natürlich denken, dass mein Vater eine neue Liebe verdient hat, dass ich nun einmal jetzt zurückstecken müsste, um mich bestmöglich mit der neuen Situation zu arrangieren. Aber junge Menschen denken eben nicht so. Für sie ist so eine Situation die größte Ungerechtigkeit, die passieren kann, und da denkt man egoistisch und fühlt sich schlecht behandelt. Aus dieser Sicht betrachtet, fand ich Sophies Verhalten nicht unbedingt nachvollziehbar, aber doch realistisch. Sie ist nun einmal keine Protagonistin zum Liebhaben, sondern eine mit Ecken und Kanten, aber was ich allerdings noch einmal betonen möchte, mit vielen liebevollen Charakterzügen.

Und dann ist da noch die Geschichte an sich, die mich besonders im ersten Teil richtig verzaubert hat. Auf eine unglaublich liebevolle, zarte und vor allem ehrliche Art und Weise tastet sich die Autorin an das Thema gleichgeschlechtliche Liebe heran. Eine Liebe voller Missverständnisse, Emotionen und Glücksmomenten. Und- große Überraschung - plötzlich bekommen wir eine ganz neue Seite von Sophie zu sehen, die sich das erste Mal wirklich auf einen anderen Menschen einlässt. Beim Lesen habe ich die Momente, in denen sich Sophie und Alex begegnen richtig herbeigesehnt, weil es so gewirkt hat, als wäre bei beiden etwas kaputt gegangen, was nur der jeweils andere wieder reparieren kann. Und was war das für eine Anziehungskraft zwischen den beiden. Ich habe mich zwischendurch gewundert, dass die Funken nicht aus dem Buch heraus geflogen sind.

Anne Freytag ist eine ehrliche, leichte und zarte Liebesgeschichte gelungen, die auf jeder Seite ohne Kitsch auskommt. Zudem erzählt "Den Mund voll ungesagter Dinge" noch so viel mehr. Es geht um das Erwachsen werden, um die schwierige Findungsphase von Jugendlichen zwischen den Fragen "Wer bin ich?" und "Wer möchte ich sein?", es geht um Lebenssituationen, in denen man plötzlich völlig fremde Menschen als 'Familie' bezeichnen soll. Es geht um das Erleben, ums Bereuen, um das Entdecken und ums Glücklich sein. 
Eine besondere und bittersüße Geschichte, die die Wahrheit sagen und nichts beschönigen will. Unbedingt lesen!

Freitag, 14. April 2017

Kate de Goldi - Barney Kettles bewegte Bilder






Verlag: Königskinder
Seiten: 424
Erschienen: 23. März 2017
Preis: 18.99 Euro (Ebook: 12.99 Euro)

Hier geht es zum Buch





Großer Bruder, Teilzeit-Diktator und ziemlich bald der wohl berühmteste Filmregisseur der Welt, das ist der einzigartige Barney Kettles. Immer tatkräftig unterstützt von seiner jüngeren, altklugen Schwester, der Schrägstrickkönigin, Ren. 
Bisher sind seine Werke zwar nur seiner Familie und den Bewohnern seiner Straße, der High-Street, bekannt aber das soll sich möglichst bald ändern. 
Doch halt! Was ist hier los? Der unnachahmliche Barney Kettles soll eine Schaffenskrise haben? Unmöglich! Aber seien wir doch mal ehrlich, das passiert den Besten! 
Und wenn man ganz genau hinschaut, dann erkennt man, dass da doch etwas im brillanten Verstand des jungen Filmregisseurs lauert. Er erkennt, dass sich die besten Geschichten direkt vor seiner Haustür abspielen. In seiner Straße, in der verrückte Geschäftsinhaber und Exzentriker Tür an Tür wohnen. Und Barney will sie ihre Geschichten erzählen lassen. Die Unerzählte Geschichte, nichts ahnend, was für eine Kette von Ereignissen er damit auslöst...

"Barney Kettles bewegte Bilder" von Kate de Goldi stand ganz oben auf meiner Wunschliste, seit ich das Buch zum ersten Mal in der Verlagsvorschau von den Königskindern entdeckt habe. Und ich weiß gar nicht genau warum, denn die Beschreibung des Inhalts klang erst einmal nichts sagend. Es war wohl die besondere Einzigartigkeit der Geschichte, die sich wahrscheinlich schon hinter den Worten der Inhaltsbeschreibung versteckt hat, und die für die Königskinder Bücher so typisch ist. 
Nach der Lektüre ist nun klar, ich hatte Recht und noch ein bisschen mehr. Denn Barneys Geschichte ist einzigartig vom ersten bis zum letzten Wort, doch sie hebt diese Besonderheit noch einmal auf ein neues Level, wahrscheinlich um den vielen ungewöhnlichen Charakterzügen ihrer Hauptfigur gerecht zu werden. 
Barney muss man einfach kennen lernen. Oftmals hat man das Gefühl es mit einem alteingesessenen Regisseur zu tun zu haben, und nicht mit einem Jungen, der das Handwerk gerade erst lernt. Am Filmset herrscht für Barney absolute Professionalität, hier ist keine Zeit für Späßchen und kindliches Getue. Und auch wenn ihm dieses Verhalten manchmal einiges an Sympathien seiner Mitmenschen kostet, lässt er sich davon nicht beirren. Er verfolgt sein Ziel so klar und geradlinig, wie man es in seinem Alter nicht erwarten würde, und schon wenn sein aktuelles Werk gerade im Kasten ist, denkt er bereits an die nächste Idee. Gleichzeitig ist Barney abseits des Filmtrubels eine unglaublich liebenswürdige Person, die die richtigen Fragen stellt, auch wenn er damit die Erwachsenen, allen voran seine Lehrer, zum Verzweifeln bringt. 
Und dann ist da noch Ren, seine Schwester und immer an seiner Seite. Die unglaublich kluge und genauso einzigartige Ren, die, trotz der Tatsachen, dass sie Ordnung und Mathe liebt mich von der ersten Seite begeistert hat.
Und genau diese beiden Charaktere tragen den Leser durch diese ganze ungewöhnliche Geschichte, die an einem unglaublich liebevollen Schauplatz spielt. Die High-Street ist eine Straße, in die wohl jeder gerne wohnen würde. Überall scheinen die interessanten Geschichten der Menschen, die hier wohnen, am Straßenrand herumzuliegen, als hätten sie nur auf jemanden wie Barney gewartet, der ihnen endlich eine Bühne gab.
Auch die Erzählstruktur von "Barney Kettles bewegte Bilder" steht der Ungewöhnlichkeit der Geschichte in nichts nach. Zu Beginn der Geschichte meldet sich ein zunächst unbekannter Erzähler, der die Handlung eröffnet und immer nach jedem Kapitel noch einige Anmerkungen hervorbringt, fast so, als würde man einen Film mit Audiokommentaren des Regisseurs ansehen. Und genau dieser unbekannte Erzähler leitet dann auch die vollkommene überraschende Wende ein, die die Handlung plötzlich nimmt. 
Kate de Goldi verbindet in ihrem Werk zwei Geschichten miteinander, die zunächst nicht kombinierbar schienen und sich dann doch so gut zusammenfügten, als hätten sie sich gesucht und gefunden. 
"Barney Kettles bewegte Bilder" ist eine unglaublich zarte und zerbrechliche Geschichte über einen Jungen geworden, der seinen Traum lebt, jeden Tag. Es ist aber auch eine Geschichte über das Gesehen werden. Wie wir uns selbst sehen und unsere Mitmenschen, und das wir vielleicht öfter mal genauer hinschauen sollten. Das jedenfalls hat mir dieser unglaublich besondere Barney Kettles beigebracht. 
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