Sonntag, 9. Juni 2019

Lesemonat Mai

Hallo, hallo Lesemonat Mai?
Da ist er ja. 
Mein Lesemonat Mai. 
Im vergangenen Monat habe ich insgesamt acht Bücher gelesen mit insgesamt 4133 Seiten. Das ist schon einmal eine ganze Menge. 
Zwei Monatshighlights und - Obacht -  ein Jahreshighlight waren auch dabei. 
Dann kann es ja losgehen. 

Und weil ich heute mal Lust darauf habe, fangen wir einfach mal mit meinem Jahreshighlight aus dem Lesemonat Mai an. Und das war ganz klar: "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" von Joel Dicker
Schon lange nicht mehr konnte mich ein Buch so wahnsinnig gut über 733 Seiten hinweg unterhalten. Dickers Debütroman ist an keiner Stelle zäh oder gar langweilig. Jede Situation, jedes Detail ist wichtig und auf der Zielgerade dieser wunderbaren Geschichte ist es fast nicht mehr möglich, das Buch beiseite zu legen. Viele bezeichnen Dickers Roman als einen Krimi, doch er ist viel mehr als das. Egal, ob es um ein Gesellschaftsporträt, der Liebesgeschichte, den charmanten Humor oder um die Macht des geschriebenen Wortes geht, dieses Buch hat für jeden etwas in petto. Eine uneingeschränkte und dringende Leseempfehlung!

Weiter ging es im Mai mit einem kleinen Ende. Wieder einmal. Mit dem siebten Band "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" von Joanne K. Rowling endete auch ein weiteres Reread meines allerliebsten Zauberschülers. Es war mir wieder einmal eine besondere Ehre, dass mir die Türen von Hogwarts ein weiteres Mal geöffnet wurden. Harry bleibt nicht nur meine absolute Lieblingsgeschichte, sondern auch ein alter Freund, den ich immer wieder besuchen kann. Wahrscheinlich wieder im nächsten Jahr, wir sehen uns, Harry. 

Das nächste Buch war Lyrik. Auf Atticus' Gedichtband "Love her wild" habe ich mich schon sehr gefreut, weil ich bisher nur Gutes von der besonderen Wortzusammenstellung des anonymen Künstlers gehört habe. Seine Worte konnten mich dann auch berühren, aber wirklich erreicht haben sie mich trotzdem nicht. Den Grund kann ich nicht benennen. Lyrik hat für mich viel mit den eigenen Gefühlen zu tun und wenn die behandelten Themen in den Gedichten nicht ganz passen, passt es für mich dann wohl auch nicht ganz. Trotzdem kann Atticus mit Worten definitiv umgehen und lässt Wunderschönes entstehen. Meine Lyrikqueen bleibt aber - unangefochten- Amanda Lovelace. 

Weiter ging der Mai mit einem weiteren Reread. Vor fünfzehn Jahren habe ich zum ersten Mal "Neunzehn Minuten" von Jodi Picoult gelesen und auch beim zweiten Mal hat es mich immer noch umgehauen. Dass Picoult gut mit Dramen umgehen kann, ist mittlerweile bekannt, in diesem Fall allerdings macht sie es mit Perfektion. Es geht um einen Amoklauf in einer Schule, bei dem einer der Protagonisten in neunzehn Minuten mehrere Menschen erschießt. In Rückblicken erzählt die Autorin dann, wie es schlussendlich zu der Katastrophe kommen konnte. Dabei richtet sie vor allem den Blick auf den Täter, der jahrelang mit schlimmsten Mobbingattacken konfrontiert wurde. Picoult spielt in ihrer Geschichte mit der Schuldfrage, die sich immer wieder verschiebt. Für mich gehört "Neunzehn Minuten" ganz klar zur Schullektüre und sollte sooft in der Schule gelesen werden, wie möglich.

Im Mai habe ich außerdem mein persönlich erstes Buch von Roxane Gay gelesen. "Hunger- Die Geschichte meines Körpers" stand schon ewig auf Englisch auf meiner Wunschliste. Als ich dann durch Zufall erfuhr, dass es endlich auch auf Deutsch übersetzt wurde, musste ich es endlich lesen. Vielleicht ist "Hunger" keine Geschichte, auf die die Welt gewartet hat, und doch ist sie zweifellos eine wichtige Geschichte und eine, die erzählt werden muss. Als junges Mädchen wird die Autorin, die hier ihre Lebensgeschichte erzählt, von mehreren Jungen vergewaltigt. Sie verschweigt dieses traumatische Erlebnis, das sich mit Gewalt immer mehr Platz im Leben und in der Psyche der Autorin nimmt. Um ihren Körper stärker zu machen und so vor sexueller Gewalt zu schützen, nimmt Roxane Gay immer mehr an Gewicht zu. Konfrontiert mit der Ablehnung der Gesellschaft und alltäglichen Problemen, mit denen adipöse Menschen jeden Tag konfrontiert werden, schafft die Autorin ein Bewusstsein oder ein verändertes Bewusstsein bei ihren Leserinnen und Lesern zu bewirken. Zu diesem Buch gibt es auch eine Rezension von mir zu lesen. "Hunger" gehört definitiv zu meinen Monatshighlights. 

Und wenn wir schon einmal bei Monatshighlights sind, kommt hier noch ein Weiteres hinzu. Mit "Kompass ohne Norden" hat sich Neal Shusterman im letzten Jahr in mein Herz geschrieben. So einen besonderen Roman habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Dementsprechend gespannt war ich natürlich auf sein neustes Werk "Dry", das Shusterman dieses Mal zusammen mit seinem Sohn Jarrod geschrieben hat, dem er übrigens "Kompass ohne Norden" gewidmet hat. Im aktuellen Werk der Shustermans geht es um ein dystopisches Szenario, das seine dystopischen Elemente nicht nur im Vorfeld bereits verliert, sondern auch während des Lesens. "Dry" macht Angst, denn eine Situation, in der im kompletten Teil Südkaliforniens plötzlich von einem auf den anderen Moment das Wasser ausgeht und keine Rettung in Sicht ist, liegt schon lange nicht mehr so weit in einer möglichen Zukunft, in der der ein oder andere sich das gerne vorstellen mag. Die Klimaerwärmung ist da. Kalifornien litt mehrere Jahre an einer Dürreperiode, in der chronische Wasserknappheit herrschte und ist sicherlich nicht das einzige Beispiel auf diesen Planeten. Das Buch der Shustermans ist eine Warnung, eine von vielen und vielleicht schon eine, die zu den letzten gehören, wenn wir nicht endlich aufhören so zu tun, als hätten wir einen zweiten Planeten im Kofferraum. 
Unbedingt lesen!

Ich habe es so lange hinausgezögert, wie es geht, weil ich einfach nicht wollte, dass es dem Ende zugeht, doch jetzt konnte ich nicht mehr warten. "Paper Girls 4" von Brian K. Vaughan musste ich endlich lesen. Auch wenn mit dem fünften Teil das Ende dieser geliebten Comic-Reihe diesen Monat bei mir eingezogen ist. Und es war natürlich mal wieder ein einziges wunderbares Abenteuer. Ich habe definitiv mein Herz an die vier Zeitungsmädchen verloren, die mit irren Zeitreisen mich immer wieder begeistern konnten. Natürlich freue ich mich auf den fünften Band, bin aber gleichzeitig auch wirklich traurig. Meine Traurigkeit könnte sich höchstens dadurch mindern lassen, wenn sich Netflix endlich entschließt aus dieser großartigen Comic-Reihe eine Serie zu machen. Ist auf jeden Fall überfällig!

Zum Schluss kommt das dicke Ende. Dieses Mal in Form von Haruki Murakami's über tausend Seiten dickes Werk "1Q84". Es gibt sogar noch eine Fortsetzung dieser sehr umfangreichen Geschichte. Ich bin mir zwar noch nicht ganz sicher, ob ich weiterlesen soll, trotzdem hat mir das vorliegende Buch wirklich gut gefallen. Der berühmte Murakami Geist war schon nach wenigen Minuten in der Lektüre allgegenwärtig. Ich liebe es, wenn man den Stil einer bestimmten Autorin oder eines bestimmten Autoren in Geschichten sofort wiederfindet. Murakami kann man gar nicht beschreiben, den muss man erleben. Für mich gehört er immer noch zu meinen absoluten Lieblingsautoren, was "1Q84" mal wieder eindrucksvoll beweist. 

Und das war es auch schon wieder. 
Mein Lesemonat Mai. Wieder einmal war es bunt gemischt, aber das gefällt mir sowieso am besten. 
Ich freu mich schon auf den nächsten Monat. 

Sonntag, 2. Juni 2019

(Lisa schreibt) Digitalwüste Deutschland

Ich stehe an einem kleinen Bahnhof, der zu einem Dorf gehört, irgendwo im Süden Englands. Die pulsierende Stadt London haben wir schon lange hinter uns gelassen und es geht Richtung Küste ans Meer. Ich warte auf meinen Anschlusszug und frage, wie viel Kilometer verbleiben, bis ich endlich wieder das Wasser sehen kann. Es sind genau neunundsiebzig Kilometer. 
In Zeiten von Smartphone und den unendlichen Weiten des Internets ist es manchmal so einfach Fragen zu beantworten. In gerade mal zehn Sekunden weiß ich, wie viel Strecke ich noch zurücklegen muss, damit ich endlich ans Urlaubsziel komme. Die Bahn kommt pünktlich. Alles läuft nach Plan.

Einige Wochen später hat sich mein entspannter Gesichtsausdruck komplett gewandelt. Mit genervter Miene stehe ich an einem Bahnhof irgendwo in der Nähe von Köln. Mein ursprünglicher Plan eine Freundin in Frankfurt zu besuchen verwandelte sich in eine komplette Katastrophe. Irgendwo hinter Köln hat mich mein Zug, der mich eigentlich per Direktverbindung nach Frankfurt bringen sollte, ausgespuckt und seit einer halben Stunde versuche ich verzweifelt herauszufinden, wo ich bin und vor allem wie ich hier wieder wegkomme. Aus meinen Bemühungen lässt sich leicht eine Zirkusnummer machen, da ich mein Smartphone in alle Richtungen halte und auf dem Bahnsteig von einem Bein auf das andere hüpfe. Es fehlt nur noch die Clownsnase und das Einrad. Auch wenn ich meine reisenden Mitmenschen damit durchaus belustige, bleiben meine Versuche erfolglos. Kein mobiles Netz, kein Internet und somit auch keine Chance herauszufinden, wie ich diesen Ort verlassen kann. 
Am besten, ich kaufe mir Clownsschminke und suche mir einen netten Zirkus zum Mitreisen, bis ich wieder Netz habe.

Trotz auf das Smartphone stierende Zombies, die durch die Innenstädte flanieren und einer Gesellschaftsstruktur, die nur noch aus Digitalisierung zu bestehen scheint, hat es unsere Kanzlerin, Angela Merkel, einmal unfreiwillig auf den Punkt gebracht: Das Internet ist für uns 'Neuland'. 
Während es in anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, beim zur Verfügung stellen eines mobilen Netzwerkes keinen Unterschied zu machen, ob man auf ein weites Feld blickt oder gerade das Glück hat sich in einer Stadt zu befinden, traben wir in Deutschland der Digitalisierung hinterher. Als moderner Mensch in einer zivilisierten Gesellschaft ist es fast nicht mehr möglich ohne Internet unterwegs zu sein und doch kann man fast vor dem inneren Auge die ungläubigen Gesichter der älteren politischen Damen und Herren sehen, wenn ihnen eröffnet wird, dass es in anderen Ländern in den Städten überall freies WLAN gibt.
Egal, wo man steht. Und das ganz ohne Hüpfen und Beten. 
Toll, wie die Digitalisierung funktioniert...außerhalb von Deutschland. 

In Deutschland allerdings hat sich der Begriff der 'Digitalwüste' mit Begeisterung durchgesetzt. Nehmen wir das Beispiel der Schulen. 
Schulen, die Bildungseinrichtungen, in denen unsere Hoffnungsträger für die Zukunft ausgebildet werden und da die Digitalisierung außerhalb von Deutschland unaufhaltsam und zügig voranschreitet und bei uns gemächlich dahinfließt, würde man davon ausgehen in den Schulen zumindest ein paar Hoffnungsträger in Sachen Digitalisierung zu finden. Und tatsächlich sind Internet Klassenzimmer mit Tablet Präsentationen und Virtual Reality Brillen keine Seltenheit mehr. Vorbei die Zeiten, in denen Lehrerinnen und Lehrer bereits bei der Programmierung eines Videorekorders verzweifelt die Hände über den Köpfen zusammengeschlagen haben. Jetzt sind unsere Lehrer auf dem neusten Stand der Technik und können ihre Schülerinnen und Schüler den Lernstoff sogar mit Hilfe der virtuellen Realität vermitteln.
Aber ist das wirklich der Fall oder ist die digitale Ausrüstung deutscher Klassenzimmer ein netter Anfang aber noch lange nicht das Ende des Weges?
Ich habe mit einer Lehrerin gesprochen und bestätigt bekommen, dass man sich als Lehrerin oder Lehrer zwar nicht über fehlende digitale Ausrüstung beschweren, der Knackpunkt allerdings bei der Vermittlung besteht, wie man diese Technik sinnvoll in den Unterricht integrieren kann. Es fehlt an kompetenten Schulungen für die, die das Wissen vermitteln. So bleibt digitaler Unterricht meistens auf der Strecke und der gute alter Overheadprojektor kommt wieder zum Einsatz. So werden Lerninhalte auch vermittelt, doch der Digitalisierung hilft es nicht weiter, wenn die nötigen technischen Geräte im Klassenzimmer verstauben. 
Früher, wenn Lehrerinnen und Lehrer bereits bei der Einstellung des Videorekorders verzweifeln, waren es meistens die Schüler, die sie retteten. Dieses Bild hat sich bis ins heutige Jahr gehalten. Das ist im gesellschaftlichen Wandel eine normale Erscheinung, da die Jüngsten bereits von klein auf mit Digitalisierung konfrontiert werden und es den älteren Mitglieder der Gesellschaft immer schwerer fällt mitzuhalten und bei vielen schlichtweg die Bereitschaft fehlt sich mit digitalen Inhalten auseinanderzusetzen. 

Mit der Zeit haben sich in Deutschland also immer mehr digitale Baustellen aufgetan, so dass der Begriff 'Digitalwüste' eine treffende Bezeichnung ist für ein Land, das zwar glaubt im Digitalisierungszug zu sitzen und mitzufahren aber in Wahrheit immer öfter an Bahnhöfen strandet, mitten im Nirgendwo, und verzweifelt hüpfend versucht Netzempfang zu bekommen. 
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