Dienstag, 21. Mai 2019

Roxane Gay - Hunger (Die Geschichte meines Körpers)







Verlag: btb
Seiten: 321
Erschienen: 22.April 2019
Preis: 22 Euro (Ebook: 14.99 Euro)







Wenn jemand eine Geschichte aus dem eigenen Leben aufschreibt, kann diese Mut machen.Sie kann Trost spenden, sie kann einen selbst empathischer werden lassen der Welt und dir selbst gegenüber. Sie kann dich ein bisschen offener deinen Mitmenschen gegenüber machen. Sie kann dich dazu bringen etwas zu tun, was du vorher niemals gemacht hättest, weil du dich nicht getraut hast oder es dir vielleicht selbst nicht zugetraut hast.
Geschichten, ob nun ausgedacht oder selbst erlebt können so viel möglich machen, denn all das hat Roxane Gays "Hunger- Die Geschichte meines Körpers" mit mir gemacht. 
Roxane Gay hat die Geschichte ihres Körpers aufgeschrieben. Und es ist eine Geschichte, die wehtut. Weil sie möglicherweise noch nicht einmal von der Welt gebraucht wurde, es aber umso wichtiger ist, dass sie trotzdem erzählt wird. "Hunger" beschönigt nichts, die Geschichte knallt die Tatsachen auf den Tisch, ohne Einführung. Sie nimmt die Leserin oder den Leser nicht behutsam an die Hand, um ihn langsam klar zu machen, was sie sagen will. Sie wuchtet eher eine Masse an Emotionen, Selbstmitleid und Verzweiflung an, um sie uns dann vor die Füße zu werfen und zu verkünden, dass das Leben auch so sein kann. Es kann durch ein Erlebnis vollkommen durcheinander geraten und Folgen haben, die wir unser ganzes restliches Leben spüren können. 
Roxane Gays Leben ist geteilt in ein Leben bevor sie mit zwölf Jahren von mehreren Jungen vergewaltigt wurde und in ein Leben danach, in dem sie als traumatisiertes und verängstigtes Kind es nicht wagte mit dem Unrecht und der Gewalt, die ihr angetan wurden sich jemanden anzuvertrauen und stattdessen begann im Essen ihren Trost zu suchen. Davon überzeugt sich einen stärkeren Körper anzuessen, der sich gegen sexuelle Gewalt entweder wehren kann oder überhaupt nicht mehr von männlichen Geschlechtsgenossen wahrgenommen wird, begann Roxane Gay immer mehr zuzunehmen und schildert auf unfassbar ehrliche und selbstreflektierende Art und Weise, wie es sich anfühlt mit einem übergewichtigen Körper seinen Alltag und seinen Geist zu bewältigen. 
Nicht nur einmal habe ich mich als Leserin, die nicht weiß vor was für Herausforderungen und Probleme die Autorin jeden einzelnen Tag gestellt wird, die nicht übergewichtige Menschen mit einer Selbstverständlichkeit begegnen, dass es fast schon wehtut, ertappt gefühlt, weil ich völlig unbewusst manchmal vielleicht schon einmal selbst Vorurteile gemacht oder gedanklich bestätigt habe, ohne zu wissen, was ich da eigentlich tue. Und so trägt dieses unglaubliche wichtige Buch auch zur eigenen Selbstreflexion bei, dass man in manchen Situationen im eigenen Leben zweimal darüber nachdenkt, wenn man etwas sagt oder tut, was seinem Gegenüber möglicherweise verletzten könnte.

In "Hunger-Die Geschichte meines Körpers" hat Roxane Gay einen so unglaublichen Mut bewiesen. Sie hat sich bis auf die allerletzte Hautschicht vor der Welt entblößt. Sie hat Gedanken mit völlig Fremden geteilt, die viele wahrscheinlich noch nicht einmal aus Scham denken würden. Sie hat sich verletz- und angreifbar gemacht und doch gleichzeitig eine so intensive Stärke bewiesen, dass sie alle Superheldinnentitel der Welt verdient hätte.
"Hunger" war mein erstes Buch von Roxane Gay. Aber es wird ganz sicher nicht mein letztes bleiben, denn mit diesem einzigen Geständnis hat sie sich nicht nur in mein Herz geschrieben, sondern ist auch meine Heldin geworden. 
Unbedingt lesen! 

Montag, 13. Mai 2019

Lesemonat April

Hallo Lesemonat April,
im vergangenen Monat habe ich insgesamt sechs Bücher gelesen und es waren zwei echte Highlights dabei. Insgesamt kam ich auf 2161 Seiten. Das waren die Fakten, dann kann es ja losgehen.

"Das Leben ist eins der Härtesten" von Giulia Becker war mein erstes Buch im Lesemonat April und auch direkt eines meiner Highlights. Hier wurde eine ganz zauberhafte, witzige und besondere Geschichte geschrieben. Und obwohl der Titel des Buches besagt, dass das Leben ganz schön hart sein kann, hat es doch diese Geschichte geschafft mein Leben für ein paar Stunden ein bisschen leichter zu machen. Sollte es irgendwann eine Top Ten der liebenswürdigsten Buchcharaktere aller Zeiten geben, Beckers Figuren wären auf jeden Fall ganz oben auf dieser Liste. Es ist schon erstaunlich, wie viel Wunderbares man in 230 Seiten packen kann. Unbedingte Leseempfehlung!

Vom ersten Highlight kommen wir dann direkt zum nächsten. "Kurt" von Sarah Kuttner war schon, bevor ich es schlussendlich gelesen hatte, in aller Munde. Das Buch wurde sooft gelobt, dass ich es irgendwann einfach lesen musste. Und die positiven Stimmen hatten Recht. Kutter hat einen Roman geschrieben, der mich dankbar zurücklässt. Dankbar für die Möglichkeit diese wunderschönen Wörter auf Papier lesen zu dürfen. Ich bin dankbar für den Trost, den diese Geschichte spendet und dafür, dass sie ganz langsam dein Herz erreicht und dort nie wieder verschwindet. Mit einer unfassbaren Einfühlsamkeit beschreibt hier die Autorin das Unfassbare. Etwas, was man gar nicht erfassen und niemals erleben möchte, den Tod des eigenen Kindes. "Kurt" ist voller Liebe und eine Geschichte, die man niemals wieder vergessen wird. 

Weiter ging es im April mit dem Auftakt einer Reihe."Ellingham Academy (Was geschah mit Alice?) von Maureen Johnson kam als Überraschungspost aus dem Loewe Verlag. Die Geschichte hatte ich also vorher nicht richtig auf dem Schirm, der Klappentext klang allerdings sehr vielversprechend und so begann ich zu lesen und wurde sehr positiv überrascht. Der erste Band der Ellingham Academy ist eine Mischung aus Internats- und Detektivgeschichte mit einer unglaublich sympathischen Protagonistin, die einfach Lust auf mehr macht. Der Schauplatz macht einiges her und auch das Ende wartet mit einem gewaltigen Ciffhanger auf, an dem man es spätestens nicht mehr erwarten kann den nächsten Band zu lesen. Ich freue mich schon sehr drauf. Zu diesem Buch habe ich außerdem eine Rezension geschrieben. 

Das nächste Buch kam von meinem Buchblinddate mit dem Literarischen Nerd von Instagram (wenn ihr Florian nicht folgt, holt das auf jeden Fall schnell nach. Aber Vorsicht, eure Wunschliste könnte explodieren. Hier geht's lang!). Und tatsächlich war es ein Buch, von dem ich vorher noch nie etwas gehört habe und ähnlich wie beim vorangegangenen Buch hat mich der Klappentext so neugierig gemacht, dass ich es direkt anfangen musste zu lesen. In "Der Schrecken verliert sich vor Ort" von Monika Held geht es um einen ehemaligen Ausschwitz Insassen, der sich verliebt, sich aber davor fürchtet diese Beziehung voll und ganz einzugehen, weil er das, was er in Ausschwitz erlebt hat natürlich nie wieder vergessen wird. Die Beziehung der beiden wird scheinbar immer von einem Schatten verfolgt und doch versuchen sie immer wieder das Gute zu sehen. Manchmal reichen aber Worte eben alleine nicht aus, um den Inhalt einer Geschichte richtig zusammenzufassen. "Der Schrecken verliert sich vor Ort" muss man lesen. Ohne Wenn und Aber. 

Auf der Zielgerade des Lesemonats April habe ich dann zu "Himbeeren mit Sahne im Ritz" von der wunderbaren Zelda Fitzgerald gegriffen. In diesem, erstmal auf Deutsch veröffentlichten, Kurzgeschichtenband stehen die weiblichen Figuren Fitzgeralds im Mittelpunkt. Sie wollen sich Träume erfüllen, riskieren für die Karriere alles oder schauen wehmütig auf einige Entscheidungen ihres Lebens zurück und auch wenn durchaus Männer in Zeldas Geschichten auftreten, spielen diese eine eher untergeordnete Rolle und wirken nicht nur einmal wie Laiendarsteller. Fitzgerald beschwört in ihren sprachlich außerordentlichen Kurzgeschichten ein ganzes Jahrzehnt herauf, die berühmten goldenen Zwanziger und erweckt das Lebensgefühl, das diese Zeit ausgemacht hat. Auch zu diesem Buch habe ich eine Rezension geschrieben.

Zum Schluss kam dann "Cyril Avery" von John Boyne. Auf fast achthundert Seiten wird hier die Lebensgeschichte von Cyril Avery erzählt. Aufgewachsen bei Adoptiveltern im streng katholischen und konservativen Irland muss sich der Protagonist, aufgrund seiner schon früh entdeckten Homosexualität, ein ganzes Leben vor den verschiedenen Instanzen der Gesellschaft verstecken. Zugegeben, ich habe tatsächlich sehr lange für diese außergewöhnliche Geschichte gebraucht aber ich bin der Überzeugung, dass das auch nötig war. Cyrils Geschichte wird sehr langsam erzählt und doch verliert sie nicht ihre Faszination. Für geduldige Leserinnen und Leser, die eine ganz besondere Lebensgeschichte lesen wollen, ist diese Lektüre genau die Richtige. 

Und das war er schon wieder. Mein Lesemonat April. Zwei Highlights und auch sonst haben mich alle Bücher durchweg gut unterhalten. 
Mal sehen, wie es in Mai weitergeht.
Ich freue mich drauf. 

Dienstag, 7. Mai 2019

Zelda Fitzgerald - Himbeeren mit Sahne im Ritz




Verlag: Penguin
Seiten: 224
Erschienen: 26. September 2016
Preis: 10 Euro (Ebook: 9.99 Euro)







Ein junges Mädchen, die unverhofft von einer Bedienung zur Leinwandkönigin aufsteigt und als man ihr den Erfolg streitig machen will alles daran setzt ihr Recht zu bekommen.
Eine Frau, die ihre berufliche Karriere über alles andere stellt, sogar über die Liebe.
Ein Paar, das von seiner neuen Heimat auf die alte Heimat blickt und vor Wehmut vergeht. 
Das sind nur einige Protagonisten aus "Himbeeren mit Sahne im Ritz", der Kurzgeschichtensammlung der großen Zelda Fitzgerald. In ihren kleinen Wunderwerken lässt die Frau von einem der berühmtesten Schriftsteller der Welt ein längst vergessenes Jahrzehnt wieder auferstehen: Die legendären Roaring Twenties, in der Männer Anzüge trugen und Frauen bunte Kleider mit Federn im Haar. Ein Jahrzehnt, in der das gesamte Leben einer einzigen großen Bühne glich und das ist auch die Atmosphäre in Fitzgeralds Geschichten, auch wenn sie, anders als ihr Mann Scott, eine hauptsächlich weibliche Perspektive einnimmt. Obwohl in den Erzählungen von "Himbeeren mit Sahne im Ritz" durchaus auch männliche Figuren vorkommen, wirken diese doch häufig wie schlecht gecastete Laiendarsteller, die eine untergeordnete Rolle gegenüber Fitzgeralds weiblichen Figuren einnehmen. 
Sie schreibt über Frauen, die ihrer gesellschaftlich aufgezwungenen Stellung geistig längst entwachsen sind. Diese Frauen sind selbstbewusst, sie verkörpern - zumindest gegenüber außenstehenden Personen - eine unabdingbare Stärke und Unerschütterlichkeit. Sie übertreten Grenzen und das meistens vollkommen bewusst, um zu provozieren und das zu bekommen, was sie möchten. 
Doch vor allem spielen diese Frauen die meiste Zeit eine Rolle für die Öffentlichkeit, die ihre Fehler und innere Zerrissenheit nicht sehen soll. Denn die Vielzahl der von Zelda Fitzgerald beschriebenen Charaktere sind gebrochene Persönlichkeiten, die von sich und dem Leben zu viel verlangt haben und in den Kurzgeschichten auf verschiedene Arten und Weisen den Preis dafür zahlen müssen.
Besonders hervorheben möchte ich außerdem die faszinierende Sprache und die Formulierungen, die Fitzgerald benutzt. Viele Sätze muss man tatsächlich mehrmals lesen, um diese in ihrer gesamten Schönheit erfassen zu können und dann möchte man die Stellen markieren, bis man bemerkt, dass man genauso gut das ganze Buch markieren könnte.
Ebenfalls ans Herz legen möchte ich jeder Leserin und jedem Leser von "Himbeeren mit Sahne im Ritz" das Nachwort von Felicitas von Lovenberg, in dem einige interessante Aspekte zu den vorangegangenen Kurzgeschichten zu finden sind, beispielsweise die Tatsache, dass viele von Zeldas Erzählungen unter dem Namen ihres Mannes veröffentlicht wurden und dass ihre Figuren in ihrem Verhalten, das Leben als eine Art Bühne zu betrachten, genau das verkörpern, wofür auch das Leben des Ehepaares Fitzgerald stand und wofür sie weltberühmt wurden. 

"Himbeeren mit Sahne im Ritz" ist eine mehr als gelungene Zeitreise in die Vergangenheit. Ein unterhaltsames Porträt bedeutender und interessanter weiblichen Persönlichkeiten, die jede auf ihre eigene Art und Weise ihre Zeit geprägt hat. 
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