Dienstag, 9. Oktober 2018

Muriel Spark - Die Blütezeit der Miss Jean Brodie






Verlag: Diogenes
Seiten: 240
Erschienen: 29. August 2018
Preis: 24 Euro (Ebook: 20.99 Euro)







Miss Jean Brodie unterrichtet an einer schottischen Mädchenschule in Edinburgh in den dreißiger Jahren. Mit ihren unkoventionellen Lehrmethoden sorgt die Lehrerin bei dem Rest des Kollegiums immer für ordentlich Gesprächsstoff und die Direktorin der Schule hat nicht nur einmal versucht Miss Brodie irgendetwas zu unterstellen, damit sie diese entlassen kann. 
Doch Miss Brodie lässt sich davon nicht aus der Ruhe bringen und macht unbeeindruckt mit ihren unüblichen Unterricht weiter. Ihr unermüdliches Selbstvertrauen rührt vor allem daher, dass der Großteil von ihren Schülerinnen Miss Brodie über alle Maßen verehren, vor allem eine besondere Gruppe von Mädchen, die sogenannte 'Brodie-Clique', die das Exklusivrecht genießt besonders viel Zeit mit der Lehrerin verbringen zu dürfen. 
Doch ausgerechnet eine dieser besonderen Schülerinnen vollbringt das Unvollstellbare: Sie verrät Miss Brodie an die Direktorin...

"Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" von Muriel Spark erschien erstmals 1961 und wurde nun vom Diogenes Verlag in frischer Aufmachung neu verlegt. Die Geschichte um eine Lehrerin mit unkoventionellen Lehrmethoden an einer schottischen Mädchenschule ist allein schon aus dem Grund etwas Besonderes, weil sie mit den Konventionen und Tabus ihrer zeitlichen Einordnung bricht. Miss Jean Brodie lehrt in den dreißiger Jahren in einem streng katholischen Schottland, in dem junge Mädchen mit Themen wie Liebesbeziehungen oder gar Sexualität normalerweise überhaupt nicht in Berührung kommen. Muriel Spark allerdings erzählt in "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" eine Geschichte, die von diesen Themen geradezu beherrscht wird. Sei es die ständige Thematisierung der Dreiecksgeschichte zwischen Miss Brodie und zwei ihrer männlichen Lehrerkollegen, von denen einer sogar verheiratet ist, oder die ständigen Mutmaßungen über eben diese Dreiecksgeschichte der Schülerinnen der 'Brodie-Clique', die unweigerlich dazu führen, dass sich die jungen Frauen selbst mit ihrer eigenen Sexualität beschäftigen, überall scheint dieses Thema präsent zu sein. 
Zudem ist Miss Brodie selbst eine Figur, die literarisch höchst interessant ist. Ohne den Kontext der eigentlichen Geschichte zu kennen, würde man, als Leser, die Sympathien zunächst einmal vorbehaltlos Miss Brodie übergeben. Schließlich ist es weit verbreitet literarische Figuren, die aus der Rolle fallen, erst einmal zu mögen. Während man in die Handlung eintaucht, ändert sich dieser Eindruck allerdings schnell. Als Erstes wären da Miss Brodies politische Ansichten zu erwähnen. Gegenüber der 'Brodie-Clique' gibt sie offen zu den Faschismus gut zu heißen und bezeichnet die parallel laufende Machtübernahme der Nazis in Deutschland als eine gute Sache. Zudem wird, während die Geschichte ihren Lauf nimmt, deutlich, dass Miss Brodie ihren Schülerinnen und vor allem die 'Brodie-Clique' nicht wirklich als menschliche Wesen, sondern eher als eine formbare Masse ansieht, die sie zuallererst nach ihren Vorstellungen gestalten möchte. Nach ihren eigenen Worten möchte Miss Brodie selbst möglichst viel Einfluss auf das Leben ihrer Schülerinnen nehmen. Auch die Art und Weise wie sie einige der Mädchen beschreibt, lässt nicht gerade positive Gefühle gegenüber dieser Hauptfigur aufkommen. 
Trotz dieses Umstandes fällt mein persönlicher Gesamteindruck von "Die Blütezeit der Miss Jean Brodie" sehr gut aus. Die Geschichte besitzt eine ganz eigene Art von Frische, die sich schwer beschreiben lässt. Auch die ständigen Zeitsprünge in der Erzählung, die mir bei vielen anderen Büchern eher negativ auffallen, haben mir hier gut gefallen und den Lesefluss keinesfalls gestört. 
Außerdem hat Muriel Spark das seltsame Kunststück vollbracht auf eigentlich wenigen Seiten sehr viel Geschichte zu erzählen und das macht das Buch zu etwas ganz Besonderem. 


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