Dienstag, 31. Oktober 2017

Leigh Bardugo - Das Lied der Krähen





Verlag: Droemer Knaur
Seiten: 592
Erschienen: 02. Oktober 2017
Preis: 16.99 Euro (Ebook: 14.99 Euro)







Sechs unberechenbare Außenseiter, eine unmögliche Mission.

Kaz Brekker hat eine große Begabung, er scheint sich aus jeder vertrackten Situation oder Falle irgendwie immer wieder befreien zu können. Dieses Talent ist ungemein wertvoll, als seine Truppe, bestehend aus der besten Spionin Ketterdams, Inej, nur 'Das Phantom' genannt, ein rachsüchtiger Ex-Sträfling namens Matthias, eine besondere Magierin mit dem Namen Nina, der beste Scharfschütze, den man weit und breit auftreiben kann, Jesper, und einem Ausgestiegenen aus gutem Hause, Wylan, und er, einen fast schon unmöglichen Auftrag annehmen. 
Sie sollen einen Wissenschaftler aus dem am besten gesicherten Gefängnis der Welt befreien. Als Belohnung winkt ein unvollstellbarer Reichtum. Ganz unterschiedliche Motive und Absichten bringen die sechs Außenseiter dazu sich auf diese Selbstmordmission zu begeben. Jeder der sechs Krähen scheint etwas zu verbergen zu haben und auch auf ihrer Mission scheint einiges nicht so zu sein, wie es am Anfang gewirkt hat...

Nachdem ich die Geschichte um Meisterdieb Kaz Brekker vor ein paar Monaten bereits auf Englisch gelesen hatte, musste ich mir noch einmal unbedingt die deutsche Übersetzung von Leigh Bardugos Meisterstück "Das Lied der Krähen" vornehmen, die übrigens äußerst gelungen ist.
Natürlich geht es an dieser Stelle aber hauptsächlich um die Geschichte, die schon längst zu eines meiner absoluten Lesehighlights des Jahres geworden ist. 
Der Geschichte haftet eine unfassbare und fast schon greifbare Sogwirkung an. Ich hatte noch nie so wenig Probleme gehabt mich in einem neuen Weltenentwurf zurecht zu finden, der zu Teilen auf dem der Grischa-Trilogie von Bardugo basiert, die ich allerdings nicht gelesen habe. Es war, als bewegte ich mich selbst im bunten Treiben von Ketterdam, immer um mich herum die Truppe von sechs Außenseitern, die so unfassbar intensiv gezeichnete Charaktere darstellen, wie man sie schon lange nicht mehr gelesen hat. Dabei ist jeder einzelne von Kaz Truppe so undurchsichtig, als würde er sich mit einem permanenten mysteriösen Schleier umgeben. Aber genau dieser Punkt ist einfach ungeheuer spannend. Man möchte am liebsten alles über die Charaktere erfahren, bekommt aber meistens immer nur stückchenweise Infos zugeworfen, die sich in manchen Fällen noch nicht einmal als vertrauenswürdig erweisen. Mit dieser ständig anwesenden Undurchsichtigkeit besteht zudem ein permanentes Misstrauen nicht nur vom Leser gegenüber fast allen Figuren, sondern auch untereinander. Bloß bei wenigen Ausnahmen scheinen sich die Protagonisten untereinander wirklich zu vertrauen. Das führt allerdings auch zu einigen spektakulären Wendungen in der Handlung, die mich nicht nur einmal nach Luft schnappen ließen. 
Die Charaktere sind so präsent und stark, dass sie es schaffen eine Unvorhersehbarkeit in die Handlung zu bringen, so dass man, als Leser, nie wusste, was als Nächstes passierte. Vor allem Kaz Brekker führt dieses Unvorhersehbare fast zur Perfektion aus. Er ist der Typ Meisterdieb, den man meistens mit bangem Blick ansieht, wenn der gesamte Plan schief zu gehen scheint, und er der Einzige ist, der immer noch eine verblüffende Lösung aus dem Hut zu zaubern bereit ist. Gleichzeitig hofft man, dass man niemals den Tag erlebt, an dem auch ein Kaz Brekker nicht mehr weiter weiß. 
Ich habe mich verliebt in alles. Auf den ersten Seiten. In die Figuren, in das Setting, in diesen unglaublich hirnrissigen Plan, der nur von besonders verrückten und besonders talentierten Leuten umgesetzt werden kann, über Wendungen in der Handlung, die zu akutem Herzrasen führen. In alles und jeden. 
"Das Lied der Krähen" vereint in sich all die guten Dinge, die Fantasy-Fans lieben. Und trotzdem bleibt es realistisch, dass auch nicht Fantasy-Fans nach diesem Buch Fantasy-Fans sind, oder einfach "Das Lied der Krähen" Fans.
Dieses Buch hat mehrere Paraden und Feiertage verdient und ich freue mich schon unglaublich auf die Fortsetzung. 

Mittwoch, 25. Oktober 2017

Lesemonat September

Liebe Freunde,
herzlich Willkommen zu meinem Lesemonat September. Immerhin noch halbwegs pünktlich. Im letzten Monat habe ich insgesamt sieben Bücher gelesen mit zwei absoluten Jahreshighlights, die natürlich wieder zum Schluss vorgestellt werden. Insgesamt waren es 3106 Seiten. Dann hätten wir die Fakten, also kann es losgehen.
Los ging es mit dem ersten Teil einer Reihe, die schon komplett in meinem Bücherregal gewartet hat. Ich bin doch nicht die Einzige, die das macht, oder? Die 'Lockwood & Co.' Reihe von Jonathan Stroud hatte mir bereits sehr gut gefallen, ich bin definitiv ein Fan von Strouds Schreibstil geworden und auch im ersten Teil der Bartimäus Serie "Das Amulett von Samarakand" wurde ich bestens unterhalten. Es war schon erstaunlich, wie oft man, während der Lektüre, in ein Kichern ausgebrochen ist, weil Bartimäus mal wieder einen besonders albernen Witz gemacht hat. Das ist auf jeden Fall das Besondere an diesem Buch. Es wird nicht aus der Sicht des vermeintlichen jugendlichen Helden erzählt, sondern aus der Perspektive des Dämons, der vom Protagonisten gerufen wird, um ihn bei einer besonders kniffligen Situation beizustehen. Für Leser, die Action und eine gehörige Portion Grusel mögen, das absolut Richtige! Ich freue mich schon auf die restlichen Bände. 
Kommen wir nun zu einem Autoren, der in den letzten Monaten schon fast zu einem guten Freund geworden ist, den man immer mal wieder gerne besucht, um sich von ihm Geschichten erzählen zu lassen. Im Rahmen des John Irving Leseclubs von der zauberhaften Paper and Poetry haben wir alle zusammen "Gottes Werk und Teufels Beitrag" gelesen. Mein zweiter Irving in meiner persönlichen Chronik dieses unfassbar einzigartigen und besonderen Autoren. Zugegeben, das ein oder andere Mal musste ich mich zusammenreißen, um an Homer Wells Geschichte dran zu bleiben, doch das waren wirklich nur Momentaufnahmen. Alles andere war wieder einmal sogartiges Lesen in diesem besonderen Schreibstil Irvings mit den noch einzigartigeren Figuren, die man wohl unter hunderten Geschichten wiedererkennen würde. Wieder einmal ein sehr besonders und wunderschönes Buch. Unbedingt lesen. 
Das nächste Buch aus dem Lesemonat September glich einer besonderen Premiere. Es war meine erste Geschichte von Ernest Hemingway. Wieder so ein großer Name, der sich im Laufe der Novelle allerdings ziemlich schnell zu meinen Lieblingen gesellt hat. Standesgemäß musste ich "Der alte Mann und das Meer" dann auch am Meer lesen. Da bot sich mein September-Urlaub auf der griechischen Insel Kos geradezu an. Und in nur ein paar Stunden habe ich diese kurzweilige aber dennoch gewaltige Geschichte geradezu verschlungen. Der scheinbar aussichtslose Kampf eines einfachen Mannes gegen einen übermächtigen Gegner. Fast schon in leisen Tönen, erzählt hier Hemingway die Geschichte seines tragischen Helden, aber die Eindringlichkeit seiner Worte schimmerte durch jede einzelne Seite hindurch. Es war zwar eine Premiere, aber es wird ganz sicher nicht mein einziges Buch von Mr. Hemingway gewesen sein. 
Kommen wir nun zu einem Wiedersehen nach viel zu langer Zeit und der ganz besonderen Art. Wer sich einmal in den zauberhaften Geschichten von Walter Moers verloren hat, fällt es schwer wieder in die Realität zurückzukehren, es fällt schwer Abschied von Zamonien, dieses einzigartigen und wundervollen Kontinent, zu nehmen, es fällt schwer in seinen Mitmenschen nicht bücherliebende Zauberwesen zu sehen, die sich in den Straßen vor Schaufenstern mit mehr als ungewöhnlichen Auslagen tummeln. Nun war es also soweit. Es ging zurück nach Zamonien, dieses Mal mit der "Prinzessin Insomnia und der albtraumfarbene Nachtmahr". Tatsächlich verlief die Reise zurück nach Zamonien allerdings anders als erwartet. Das neue Abenteuer von Moers hat gewiss wieder einmal diesen besonderen Zauber, auch wenn ich davon überzeugt bin, dass dieses Buch wohl eher den besonders eingefleischten Moers Fans gefallen wird. Wer es noch ein bisschen ausführlicher haben möchte, für den habe ich eine Rezension geschrieben.
Weiter ging es im September mit einem Buch, das schon sehr lange auf meiner Wunschliste auf seinen Veröffentlichungstermin gewartet hat. Seit ich "19 Minuten" von Jodi Picoult gelesen habe, waren Geschichten, in denen Amokläufe an Schulen thematisiert werden, immer mit einer gewissen persönlichen Schwere verbunden, die ich mir nicht ganz erklären konnte. Man ist so tief erschüttert, von dem, was man dort liest, und weiß gleichzeitig, dass es trotzdem wichtig war diese Worte aufzuschreiben und in die Welt hinauszutragen. "54 Minuten" von Marieke Nijkamp ist so intensiv erzählt, dass es Angst macht. Man ist sich im Klarem auf seinem Lesesessel zu sitzen und trotzdem fühlt man sich in diese Aula versetzt, in der junge Menschen um ihr Leben fürchten müssen. Menschen, die eigentlich ihr ganzes Leben noch vor sich haben. "54 Minuten" ist teilweise so entsetzlich still, dass man den Schmerz und das Grauen im eigenen Herzen fühlt. Und doch ist es genau das, was diese Geschichte so wichtig macht. 
Und da hätten wir es auch schon. Mein erstes Jahreshighlight im Lesemonat September. "My life on the road" von Gloria Steinem nahm ich als Tipp von Emma Watsons Lesegruppe 'Our Shared Shelf" bei Goodreads mit. Ich erwartete eine Art Biografie einer besonderen Frau und war schließlich überrascht und fast schon überwältigt, dass ich die Lebensgeschichte einer außergewöhnlichen, unglaublichen und beeindruckenden Frau zu lesen bekam. Ihr kennt diese kleinen Post-its, die wir immer brauchen, um besondere Stellen in Büchern zu markieren? "My life on the road" ist voll davon. Gloria Steinem Lebensgeschichte gehört meiner Ansicht nach in jedes Bücherregal. Was sie zu sagen hat, ist wichtig und muss gehört werden. Mir bleibt nur die Möglichkeit diese Art von Botschaft immer und immer wieder weiter zu empfehlen, so dass Steinems Worte in die Welt hinausgetragen werden. Unbedingt, und ich wiederhole, unbedingt lesen!
Und da sind wir schon wieder beim Ende, Buch Nummer sieben und meinem zweiten absoluten Lesehighlight angelangt. Auch "Max" von Markus Orths stand schon sehr lange auf meiner Wunschliste, bevor das Buch endlich erschien. Sehr, sehr selten hat man das Glück eine Geschichte lesen zu dürfen, die mit so einer unglaublichen Begeisterung geschrieben wurde, wie "Max". Es ist eine Lebensgeschichte des Protagonisten, erzählt aus der Sicht von den wichtigen Frauen seines Lebens und thematisiert auf ungewöhnliche und beeindruckende Weise das zwanzigste Jahrhundert. "Max" besticht mit einem ungewöhnlichen aber unvergesslichen Schreibstil und zeigt, dass Menschen in der Lage sein können die dunkelsten Stunden des eigenen Lebens zu ertragen, wenn man sich immer wieder an die größten Leidenschaften im Leben erinnert, in Max Fall ist es die Kunst. Markus Orths neues Buch ist unglaublich besonders und lesenswert und da es mein erstes Buch von dem Autoren war, freue ich mich schon auf den Rest seiner Werke. Auch zu "Max" habe ich eine Rezension geschrieben. 

Das war er also. Mein Lesemonat September. Tolle Bücher waren mal wieder dabei. Kennt ihr möglicherweise eines oder mehrere der Bücher? Lasst es mich in den Kommentaren wissen. 

Eure Lisa.

Mittwoch, 18. Oktober 2017

Ruta Sepetys - Ein Glück für immer



Verlag: Königskinder
Seiten: 381
Erschienen: 21. November 2014
Preis: 17.90 Euro (Ebook: 12.99 Euro)





Josies momentanes Leben scheint fest gefahren.
Sie lebt in einer kleinen Wohnung oberhalb der Buchhandlung, in der sie sich ein paar Dollars dazu verdient. Zusätzlich putzt sie das Haus von Willie, das hinter vorgehaltener Hand als Bordell läuft. Auch Josies Mutter fungierte lange in Willies Bordell als Prostituierte, bis sie einem kriminellen Liebhaber und ehemaligen Freier wieder trifft und überstürzt aus der Stadt verschwindet. 
Mit dem Verschwinden ihrer Mutter, scheinen plötzlich Josies Probleme anzufangen. Sie versucht verzweifelt Geld aufzutreiben, um ihren Traum von einem College in Boston und damit fernab ihrer Heimat zu verwirklichen. Als plötzlich ein reicher Geschäftsmann, der eigentlich nur auf der Durchreise war, in Josies Viertel ermordet wird, überschlagen sich die Ereignisse...

"Ich wollte immer noch glauben, dass mich meine Flügel, egal wie zerfetzt und fadenscheinig, von hier forttragen konnten". 

"Ein Glück für immer" von Ruta Sepetys spielt in New Orleans der fünfziger Jahre und beschwört, während der Lektüre, ein so intensives Gefühl für diese Stadt herauf, dass man am liebsten sofort seine Koffer packen und losziehen möchte. Dabei zeigt sich New Orleans in Ruta Sepetys Geschichte noch nicht einmal von seiner besten Seite. Im French Quarter verkehren meistens zwielichtige Typen, mit deren Begegnung sehr häufig irgendeine Art von Ärger verbunden ist. Trotzdem kann man sich dem versteckten Charme von Sepetys Schauplatz einfach schwer entziehen. Möglicherweise hat das auch viel mit den Figuren zu tun, die sie in New Orleans zum Leben erweckt. 
Josie ist gleichsam eine unglaublich sympathische, starke aber auch sehr zerbrechliche Hauptprotagonistin. Sie bewältigt Situationen, bei denen manch einer zugrunde gegangen wäre. Zugleich bewahrt sie sich aber immer ihre emotionale und zerbrechliche Seite, auch wenn sie diese nicht oft ihren Mitmenschen zeigt. Josie trägt zweifelsohne viel zur Geschichte bei. Man bewundert sie und möchte sie aber manchmal einfach in den Arm nehmen, um wenigstens einen Teil der Last auf ihren Schultern zu mindern. 
Aber auch die Nebenfiguren haben großen Anteil an der nicht zu leugnenden Tatsache, dass "Ein Glück für immer" ein wirklich wunderschönes und großartiges Buch geworden ist. Mit Cokie möchte man am liebsten nur herumhängen, Geschichten erzählen und Milchshakes trinken. Willie verkörpert den allgegenwärtigen Typus einer harten Schale mit weichem Kern. Sie mag eine herrische Person sein, doch der Leser merkt in jeder Zeile, dass sie alles für die Menschen tut, die in ihrem Herzen sind. Verbunden mit dem Punkt, dass sie immer alles zu wissen scheint, auch wenn die anderen glauben, dass es nicht so ist, macht sie zu einer unglaublich sympathischen Figur, auch wenn Willie nur ein verächtliches Schnauben dafür übrig hätte, wenn sie diese Zeilen lesen würde. 
Aber auch die Handlung in "Ein Glück für immer" steht der Figurenkonstellation in nichts nach. Sepetys hat eine wichtige Geschichte geschrieben über ein Mädchen, das ihren Platz im Leben sucht. Zudem ist es aber auch eine Geschichte über eine komplett gescheiterte Mutter-Tochter Beziehung, die mehr als einmal wütend macht. So eine Mutter wie Josie sie hat, wünscht man sicherlich niemandem. Glücklicherweise entpuppen sich andere Menschen in ihrem Leben als die Familie und den Halt, den Josie wirklich braucht. 
"Ein Glück für immer" ist gewiss keine Geschichte, die über eine heile Welt erzählt. Josie musste früh lernen erwachsen zu werden, ihr Leben läuft knapp neben der Grenze zur Illegalität und sie selbst plagen Selbstzweifel, ob sie ihrem Leben im Quarter jemals entfliehen kann. Trotzdem schimmert zwischen den Seiten immer wieder Hoffnung hindurch, dass doch alles wieder gut werden kann. 
Ein tolles und besonderes Buch, das man unbedingt lesen sollte. 

Dienstag, 17. Oktober 2017

Andrea De Carlo - Ein fast perfektes Wunder




Verlag: Diogenes
Erschienen: 27. September 2017
Seiten: 400
Preis: 24 Euro (Ebook: 20.99 Euro)








Milena betreibt mit einer leidenschaftlichen Obsession ein Eiscafé in der Provence. Ihre verschiedenen und außergewöhnlich kreativen Eissorten sind mittlerweile so bekannt, dass sie ihren Laden auch außerhalb der Saison betreiben kann. Außerdem zieht ihre süße Schlemmerei mittlerweile auch Publikum von außerhalb an.
Als Milena eines Tages dem berühmten Rockstar Nick über den Weg läuft, stellt sich ihre gesamte kleine und heile Welt plötzlich auf den Kopf. Nick ist Leadsänger einer Band und gibt demnächst ein Konzert in dem kleinen Städtchen. Doch vorher kommt er in den Genuss von Milenas Eis und kann seitdem nicht mehr aufhören an sie zu denken...

"Ein perfektes Wunder" von Andrea de Carlo hörte sich im Vorfeld wie die fast perfekte Lektüre für den Spätsommer an und ich darf behaupten, dass sie alles gehalten hat, was sie versprach. De Carlos Geschichte über eine leidenschaftliche Zauberin an der Eismaschine und einem leicht in die Jahre gekommenen Musiker, der auf der scheinbar endlosen Suche nach ein bisschen Ruhe zu sein scheint, ist eine hauchzarte Liebesromanze geworden. 
Aber nicht nur das.
"Ein perfektes Wunder" erzählt vom Leben zweier Menschen, die geglaubt haben, ihren Platz im Leben gefunden zu haben, durch die gemeinsame Begegnung aber erkennen, dass ihrer beider Leben in Wahrheit nur eine Verkettung und Aneinanderreihung von endlosen Kompromissen zu sein scheint. Dabei enttarnen sich beide Protagonisten als unheimlich friedliebende Menschen, die während des gesamten Handlungsstrangs versuchen Konfrontationen aus dem Weg zu gehen. Dass das nicht gut gehen kann, wird dem Leser sehr schnell deutlich. Der Sympathie und der Faszination gegenüber beiden Hauptfiguren tut dies aber keinen Abbruch. Nicht oft liest man über zwei Personen mit so vielen unterschiedlichen und interessanten Facetten, deren Leben aber nicht verschiedener sein kann und die sich trotzdem zueinander hingezogen fühlen und scheinbar zufällig immer wieder aufeinander treffen. Milena verkörpert dabei die Figur einer leidenschaftlichen Frau, die freiheitsliebend gerne tagtäglich ihrer Bestimmung nachgehen will, von ihrem privaten Umfeld aber immer wieder daran gehindert und nicht ernst genommen wird. Nick hingegen hat schon lange seine Begeisterung und Leidenschaft für das, was er macht, verloren. Gefangen in einer endlosen Spirale der immer gleichen Songs, Bandmitgliedern, die er mittlerweile verabscheut und Fans, die jede kleinste musikalischen Abweichung mit Ablehnung begegnen, sucht Nick eigentlich nur einen Platz, an dem er alleine und er selbst sein kann. Unglücklicherweise wird in seinem Haus momentan seine eigene Hochzeit ausgerichtet, was einen Rückzugsort fast unmöglich macht. 
"Ein fast perfektes Wunder" ist eine Hommage an die kleinen Dinge im Leben geworden, die wir viel zu selten wahrnehmen und die unser Leben aber so viel besser machen könnten. Es ist eine Geschichte für all diejenigen, die keinem festen Plan im Leben folgen, sondern das tun, wofür sie Begeisterung hegen. Wir begegnen zwei Menschen, die so viel Abstriche in ihrem Leben machen mussten, dass es zwangsläufig zum großen Knall kommen musste. Andrea de Carlo schafft es allerdings diesen Knall schon fast slapstickmäßig unglaublich unterhaltsam zu gestalten, so dass "Ein fast perfektes Wunder" zu einer liebenswürdigen, teilweise witzigen und melancholischen Lektüre geworden ist. Eine Liebesgeschichte für all diejenigen, die auch einmal abseits von typischen Liebesgeschichten lesen. Einfach herrlich untypisch. 

Sonntag, 8. Oktober 2017

Hannah Coler - Cambridge 5 - Zeit der Verräter



Verlag: Limes 
Seiten: 417
Erschienen: 6. September 2017
Preis: 19.99 Euro (Ebook: 15.99 Euro)






Die junge Wera wird von einem der renommiertesten Professoren der Cambridge Universität ausgewählt, um bei ihm ihre Doktorarbeit zu schreiben. Ihr Thema behandelt die berühmte Spionagegruppe der Universität, die Cambridge 5, insbesondere den wohl berühmtesten Spion der Gruppierung, Kim Philby Die Thematik enthält eine gewisse Art von Brisanz, zudem ist Wera mit den narzisstischen und exzentrischen Professor Hunt nicht an den leichtesten Betreuer geraten.
Während Weras Recherchen an der Universität, erschüttert plötzlich ein grausamer Mordfall die Gelehrtengemeinde. Das Opfer ist ein berüchtigter Programmierer und der Hauptverdächtige ziemlich schnell Professor Hunt, der mit dem Opfer eine jahrzehntelange Rivalität pflegte.
Doch ist Hunt wirklich ein Mörder, oder haben die Spionagefälle in Cambridge nie wirklich aufgehört und Hunt nur Teil einer großen Verschwörung?

Für mich persönlich ist "Cambridge 5 - Zeit der Verräter" ein hervorragendes Beispiel dafür, warum man sich im Vorfeld von schlechten Bewertungen niemals abschrecken lassen sollte. Ich gebe zu, ich lasse mich schon das ein oder andere Mal von negativen Rezensionen und Meinungen eines Buches beeinflussen und manchmal kommt es vor, dass ich dann die Finger von der Lektüre lasse oder das Buch für unbestimmte Zeit auf die Wunschliste wandert. 
Von Spionagegeschichten konnte ich aber schon immer schlecht die Finger lassen und stürzte mich neugierig in die Geschichte der Cambridge 5. 
Und wurde sehr überrascht.
Hannah Colers Roman ist eine Mischung aus Fiktion und Geschichte, die mich sehr gut unterhalten hat. Noch überraschter war ich von der Tatsache, dass ich Weras Ausführungen zum nicht fiktiven Kim Philby, die immer wieder zwischen den einzelnen Kapiteln eingeschoben wurden, noch mehr interessiert haben, als der eigentliche fiktive Haupthandlungsstrang in der Gegenwart. Kim Philby, selbst Student in Cambridge, war ein Spion der Sowjetunion, der innerhalb seiner Studienzeit für den britischen Geheimdienst rekrutiert wurde, und jahrelang seine Kollegen, als Doppelagent, ausspioniert, verraten und viele damit in den Tod geschickt hat. Er agierte an der Universität in einer Art Agentengruppe, der Cambridge 5, die aber später zu seinem Verhängnis werden sollte. An diesen Stellen, die besonders Philbys Leben in den Vordergrund stellen, erkennt man auch, wie hervorragend recherchiert Hannah Colers Geschichte ist. Den Grund für diese gute Recherchearbeit findet man in der Autorenvorstellung, in der man erfährt, dass Hannah Coler das Pseudonym einer Historikerin ist, die mit "Cambridge 5 - Zeit der Verräter" ihren ersten Roman vorgelegt hat. 
Sicherlich sucht man, während der Lektüre, nach Gründen, warum die Geschichte bei anderen nicht so gut angekommen ist. Durch die Doktorarbeit der Protagonistin Wera wirkt das gesamte Buch natürlich sehr wissenschaftlich. Recherchen nach historischen Quellen und die bereits erwähnte ausführliche Darlegung dieser, schrecken möglicherweise all diejenigen Leser ab, die in "Cambridge 5" einen Spionageroman  a la James Bond erwartet haben. Für mich, die sich selbst gerade frisch vorsichtig als 'Historikerin' bezeichnen darf, machte aber gerade das den Reiz der Geschichte aus. Und das ging sogar so weit, dass ich schon fast den fiktiven Handlungsstrang, der den Mord an den Programmierer Stef beinhaltet, überhaupt nicht gebraucht habe. Gleichsam bietet dieser natürlich trotzdem einen abwechslungsreichen Unterhaltungswert zu den historischen Aspekten. Was ich zudem ziemlich interessant in "Cambridge 5 - Zeit der Verräter" fand, war, dass man niemanden der Protagonisten als wirkliche Hauptfigur bezeichnen konnte, wobei der exzentrische Professor Hunt, der in vielen Abschnitten an die Figur des Dr.House erinnerte, noch am signifikantesten heraus stach.
"Cambridge 5 - Zeit der Verräter" ist zweifelsohne eine besondere Geschichte geworden, die ich sehr gerne gelesen und die mich genauso gut unterhalten hat. Wie diese Rezension allerdings auch gezeigt hat, ist sie nicht für jeden geeigneter Lesestoff. Wer aber eine Schwäche für Spionagegeschichten hat und obendrein noch an historischen Gegebenheiten interessiert ist, der wird mit dieser Lektüre viel Freude haben. 

Donnerstag, 5. Oktober 2017

Lesemonat August

Herzlich Willkommen zu meinem Lesemonat August. Wie, wo, was? August? Es ist doch schon Oktober. Ich gebe zu, dieses Mal habe ich arg übertrieben mit der Unpünktlichkeit. Aber was solls? Jetzt gibt es meine gelesenen Bücher vom überletzten Monat. Acht Stück sind es insgesamt geworden mit einem Ebook und insgesamt 3356 Seiten. Das sind die Fakten, dann können wir ja loslegen: 
Das erste Buch kommt von dem Journalisten Omar El Akkad und heißt "American War". Es handelt sich dabei um eine dystopische Sicht in die Zukunft in ein Amerika, das von Klimakatastrophen und einem schweren Bürgerkrieg gezeichnet ist. Es ist allerdings auch eine Familiengeschichte der Chestnuts. Ziemlich schnell wird der Fokus auf eine der Töchter Sarat gelegt, die sich entschließt mit allem Mitteln ums Überleben zu kämpfen. Die Washington Post hat zu "American War" geschrieben, dass es ein Buch für all diejenigen wäre, die die Ära Trump umtreibt. Und das stimmt. Es beschreibt ein erschreckenden Szenario, das fast schon unheimlich genau mögliche Folgen beschreibt, wenn Trump seine Art des Regierens weiter fortsetzt. "American War" ist erschreckend aktuell und hoch brisant. Ich bin fast atemlos durch die Seiten geflogen. Meine Rezension zu dem Buch gibt es hier . 
Weiter ging es im August mit einem Buch, auf das ich schon sehr gespannt war. Einfach, weil es sich so geheimnisvoll angehört hat. Ich wusste nicht wirklich, was mich in dem Roman "Die wundersamen Koffer des Monsieur Perle" von Timothee de Fombelle erwartet. Es wurde schließlich eine Mischung aus einem fantastischen Märchen und einer Art Zeitgeschichte, die uns durch die Jahre führt. Obwohl es mir an vielen Stellen ein bisschen schwer fiel dem Handlungsstrang des Buches zu folgen, habe ich mich doch sehr gerne in de Fombelles erschaffene Welt aufgehalten. Die Geschichte ist zweifellos ungewöhnlich und somit automatisch etwas Besonderes für mich gewesen. Ich werde mich definitiv noch nach weiteren Büchern von Timothee de Fombelle umsehen. 
Das nächste Buch gehörte ebenfalls zu den heiß erwarteten Geschichten im August. "Aquila" ist der neue Jugendthriller von Ursula Poznanski. Die Protagonistin wacht in ihrer Wohnung in der italienischen Stadt Siena auf und weiß nicht, was sie die letzten zwei Tage gemacht hat. Aller Erinnerungen sind ausgelöscht. Auch ihre Mitbewohnerin ist auf mysteriöse Art und Weise verschwunden. Zurück bleiben nur jede Menge rätselhafte Hinweise, die wohl Eselsbrücken zu den verloren gegangenen Erinnerungen sein sollen. Sie macht sich auf den Weg die letzten zwei Tage aufzuklären. Es beginnt eine atemlose Jagd durch die großartige Kulisse der historischen Stadt Siena. Jeder aufgedeckte Hinweis scheint die ganze Geschichte noch ein bisschen verworrener zu machen. Da ich diese Art der Geschichten liebe, war ich bei "Aquila" genau richtig. Mir hat das Buch unglaublich gut gefallen und deswegen gibt es eine uneingeschränkte Weiterempfehlung von mir. 
Das nächste Buch aus dem Lesemonat August war der vierte Teil der 'Throne of Glass' Reihe "Königin der Finsternis" von Sarah J. Maas. Die ersten drei Teile waren großartig und haben mich von vorne bis hinten begeistert und der vierte Teil hat dann schließlich TOG auf die Liste meiner absoluten Lieblingsreihen gesetzt. Ich liebe einfach alles an dieser Geschichte aber vor allem hat mich die Protagonistin unheimlich beeindruckt. Allein ihre Entwicklung während der vier Bände war unheimlich intensiv. TOG ist großartig erzählte High-Fantasy, die alle Fans des Genres eigentlich ebenfalls nur begeistern kann. Ich habe mir den vierten Teil extra aufgehoben, damit ich nicht eine so lange Wartezeit bis zum nächsten Band habe. Es nutzte aber alles nichts. Die knapp 800 Seiten vergingen wie im Flug und jetzt heißt es 'Warten'. Darin bin ich ja gut. Nicht. 
Es geht weiter mit dem neuen Roman von Stefan Bachmann "Palast der Finsternis", erschienen im Diogenes Verlag. Es handelt sich wieder um einen Titel, der schon vor Erscheinen sehr lange auf meiner Wunschliste stand und dementsprechend gespannt war ich natürlich darauf, was mich erwarten würde. Nach der Lektüre kann ich schließlich sagen, dass ich "Palast der Finsternis" mit jeder Seite noch ein bisschen mehr gemocht habe. Die Handlung ist eine Mischung aus Fantasy und historischem Abenteuerroman. Es gibt zwei Erzählstränge, die jeweils in der Vergangenheit und in der Gegenwart spielen. Eine Handvoll Jugendliche werden nach Paris eingeladen, um den Palast eines französischen Marquis zu erforschen. Ziemlich schnell stellen sie allerdings fest, dass der Palast eine Menge Gefahren aufweist, die sie nur zusammen bewältigen können. Zu "Palast der Finsternis" habe ich eine Rezension geschrieben. 
Weiter ging es im August mit einem weiteren sehr lang erwarteten Titel. Der Monat war anscheinend voll davon. "Underground Railroad" von Colson Whitehead, erschienen im Hanser Verlag, ist Preisträger des diesjährigen Pulitzer Preises und das völlig zu Recht. Das Buch spielt zur Zeiten der Sklaverei im amerikanischen Süden und erzählt die Geschichte des schwarzen Mädchens Cora und ihrer Odyssee durch das Land der vermeintlichen Freiheit. Da das Untergrundsystem der Underground Railroad tatsächlich existiert hat, ist die Handlung eine Mischung aus Fiktivem und Realen und wirft Licht auf eines der dunkelsten Kapitel der amerikanischen Geschichte. Für mich persönlich gehört dieses Buch schon fast zu einer Pflichtlektüre und ist auf jeden Fall ein literarisches Highlight des Buchjahres 2017. 
Das vorletzte Buch aus dem Lesemonat August habe ich letztes Jahr auf der Buchmesse in Frankfurt erworben. "Echt" von Christoph Scheuring kommt aus dem magellan Verlag. Ich habe mir im Vorfeld ziemlich viel von der Geschichte versprochen, bin dann aber leider enttäuscht worden. Irgendwie habe ich nicht wirklich einen Draht zu den Protagonisten gefunden und mich irgendwann nur noch lustlos durch die Handlung gekämpft. Schade, aber jeder hat eben einen anderen Geschmack. 
Zum Schluss kommt dann noch das Ebook, das ich diesen Monat gelesen habe. "In Gesellschaft kleiner Bomben" von Karan Mahajan beschäftigt sich mit den Hinterbliebenden eines Terroranschlags. Nachdem auf einem Markt in Delhi eine Bombe explodiert und die beiden enge Freunden eines der Protagonisten sterben, muss dieser mit der Rolle des beinahe Opfers zurecht kommen. Auch die Eltern der verstorbenen Brüder kommen zu Wort. Im großen Zusammenhang betrachtet, zeigt "In Gesellschaft kleiner Bomben" wie normal denkende Menschen radikalisiert werden. Es ist eine unheimlich wichtige Geschichte, die mich an vielen Stellen allerdings durch die große Anzahl an Erzählperspektiven etwas verwirrt hat. Auch zu diesem Buch habe ich eine Rezension geschrieben. 

Das war er. Mein Lesemonat August. Vielleicht kennt ihr ja das ein oder andere Buch. Ich wurde auf jeden Fall gut unterhalten.

Eure Lisa. 
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