Mittwoch, 13. November 2019

Sarah Perry- Melmoth




Verlag: Eichborn
Seiten: 337
Erschienen: 30. September 2019
Preis: 24 Euro (Ebook: 14.99 Euro)









Helen lebt ein unscheinbares Leben in der tschechischen Hauptstadt Prag. Alles an ihr scheint absolut gewöhnlich, fast scheint es, als würde Helen sich unsichtbar machen wollen. Als würde sie ihr Leben so weit bedeutungslos machen, dass es nicht mehr auffiel, dass sie es trotz allem weiterlebte. Trotz der unvorstellbaren Schuld, die Helen auf sich geladen hat.
Doch alles ändert sich, als ihr ein geheimnisvolles Manuskript in die Hände fällt. Darin ist von einer mysteriösen Gestalt namens 'Melmoth' die Rede, ein Schreckensmärchen Kindern erzählt, damit sie brav bleiben, aber doch auch immer wieder Gegenstand alter historischer Dokumente. Melmoth, die dazu verdammt wurde ewig auf Erden zu wandeln mit blutigen Füßen und die für immer in Einsamkeit vergeht, es sei denn, du ergreifst ihre Hand, denn Melmoth zeigt sich nur den wahrhaft Verzweifelten, die voller Trauer oder voller Sünde sind. 
Sie beobachtet dich schon lange und wartet nur auf den richtigen Augenblick...

Schon lange vor der Veröffentlichung von "Melmoth", geschrieben von Sarah Perry, habe ich mich auf das Buch gefreut, da der Inhalt eine mysteriöse und vielschichtige Spukgeschichte versprach. Nach der Lektüre von "Melmoth" kann ich bestätigen, dass es jede Menge Grusel bereit hält, doch Sarah Perry geht sogar ein bisschen weiter. Sie erzählt die Geschichte einer Spukgestalt, die aber gleichzeitig auch eine moralische Leitfigur darstellt. Denn verfolgt von Melmoth werden nur diejenigen, die große Trauer empfinden und einen Ausweg suchen oder große Schuld auf sich geladen haben und nicht mehr mit dieser leben können. Aus diesem Grund wird 'Melmoth' auch die Zeugin genannt, denn sie gibt Zeugnis über das Leben der Verfolgten ab und konfrontiert sie mit ihrer Trauer und ihrer Schuld. Natürlich hat 'Melmoth' nicht nur die Eigenschaften eines moralischen Kompasses, sondern auch die klassischen Züge der obligatorischen Gruselfigur mit einem, im Wind wehenden, gruseligen Gewand, auch wenn eigentlich kein Wind weht, und der Eigenart immer dann in Situationen aufzutauchen, in der man generell nicht mit gruseligen Spukgestalten umgehen kann, beispielsweise, wenn sie nachts an deinem Bett steht oder in einem Schaukelstuhl am Bett einer Patientin mit tragischem Schicksal in deren Zimmer du aus Versehen gestolpert bist. Und natürlich handelt es sich nicht um irgendeinen Schaukelstuhl, sondern um einen quietschenden.
Damit ist Sarah Perry mit ihrem Roman "Melmoth" ein wirkliches Kunststück gelungen. Sie findet genau die richtige Mischung zwischen Gruselgeschichte und moralischen Begebenheiten, die nicht nur dazu führen, dass man als Leserin oder Leser vollkommen in die Geschichte versinkt, sondern, dass sie nicht nur an einem Punkt nachdenklich stimmt. 
Zugegeben, durch allerlei Zeitsprünge, Figuren- und Zeitebenen Verschiebungen ist "Melmoth" keine Geschichte, die man nebenbei weglesen kann. Durchaus komplex geschrieben, läuft man Gefahr sich in den Worten zu verlieren, doch es lohnt sich dran zu bleiben, denn man wird mit einem Buch belohnt, dass man so schnell nicht vergessen wird. 

Donnerstag, 26. September 2019

Rob Hart - Der Store







Verlag: Heyne
Seiten: 593
Erschienen: 02. September 2019
Preis: 22 Euro (Ebook: 12.99 Euro)







Der Store liefert dir alles, was du brauchst und das in kurzer Zeit.
Der Store schafft Arbeitsplätze, Wohnungen und wird somit dein Lebensinhalt. Deine ersetzte Familie. 
Zinnia und Paxton schaffen den Sprung in die neue Welt, die Welt von 'Cloud'. Ein Vormachtsmonopol in den Vereinigten Staaten auf dem besten Weg die Kontrolle über das ganze Land zu übernehmen und weit darüber hinaus. Zurück lassen die beiden eine Welt, die vom Klimawandel gezeichnet ist und in der das Unternehmen 'Cloud', ihr neuer Arbeitgeber, den gesamten Einzelhandel einstürzen lassen hat. Verlassene Städte, die Geisterstädten gleichen, Arbeitslosigkeit und Armut waren die Folge. Sichere Arbeitsplätze gibt es nur noch bei 'Cloud'. 
Somit hatten die beiden Glück, aber ist das wirklich wahr?
Denn die Welt von 'Cloud' scheint nur auf dem Papier das Wahre zu sein...

"Der Store" lässt uns Klassiker wie "1984" von Orwell und "Schöne neue Welt" von Huxley vergessen. So ähnlich zumindest wurde Rob Harts erster Unterhaltungsroman angekündigt. Nach der Lektüre würde ich nicht behaupten, dass ich die großartigen Vorreiter des klassischen Dystopie-Romans vergessen hätte, aber trotzdem ist Rob Hart mit seiner Geschichte eines Unternehmens, dass quasi die Weltherrschaft übernehmen will, etwas Gutes und Wichtiges gelungen. Man könnte behaupten, er hätte Huxleys und Orwells Geschichten neu erfunden und sie auf unsere heutige Zeit übertragen, sie demnach mit Interaktionspunkten aus unserem Leben verbunden. Denn niemand wird bestreiten, dass wir in der Realität bereits eine abgemilderte Form von dem Unternehmen 'Cloud' haben. Ein Unternehmen, das bereits einen hohen Stellenwert in unserem Leben eingenommen hat und es scheint, dass es immer schlimmer wird, je mehr wir uns dagegen wehren. Auch unseren Innenstädten drohen Verödung und Aussterben, weil der Einzelhandel durch dieses Unternehmen immer mehr einknickt. Auch wenn in unserer Realität der klassische Einzelhandel einen langsameren Verfall widerfährt, als im vorliegenden Roman, ist der fast schon beängstigende Realitätsanspruch, den "Der Store" zweifellos inne hat eben das, er macht Angst. Mit eine vom Klimawandel gezeichneten Welt und Überwachungsmethoden, die nach "1984" in "Der Store" neue Dimensionen erreichen, uns in unserer Realität allerdings überhaupt nicht mehr fremd sind, scheint Rob Harts Darstellung einer vermeintlichen Utopie, eher eine Form unserer eigenen Zukunft darzustellen. Der Sinn und Zweck einer Dystopie ist erreicht, wenn man nach der letzten gelesenen Seite nach draußen laufen will, um den Menschen zu sagen, dass sie aufhören sollen so zu leben, wie sie es tun, wenn das eben Gelesene die Zukunft sein soll, nach der alle so strebsam sehnen. Ich hatte nach der letzten Seite "Der Store" die Schuhe bereits an. 
Rob Hart beweist mit seinem Roman, dass er das Genre 'Dystopie' zur Perfektion beherrscht. "Der Store" ist eine erschreckende, realitätsnahe und großartige Geschichte geworden. Dazu ist es dem Autoren überdies gelungen zwei unheimlich interessante Figuren in seine Geschichte einzuarbeiten, die aus ganz unterschiedlichen Gründen den Weg in die 'Cloud' wählen und ihre Geschichten, trotz einiger Berührungspunkte, verschiedene Wege nehmen. 
Um dem Ganzen zum Schluss die Krone aufzusetzen, bekommt auch noch der Handlungsort des Romans und Heimatland des Autoren Rob Hart, die USA, ihren berüchtigten, schreiberischen Seitenhieb, der in den sogenannten 'Black Friday' Massakern einen fast schon satirischen Höhepunkt findet. 
Eigentlich wird Rob Harts Roman somit zu einer Geschichte, die jeder lesen sollte. Diejenigen, die sich zu viel kümmern und bestärkt werden, dass sie diese Zukunft nicht haben wollen. Und diejenigen, die sich zu wenig kümmern und ins kleinste Detail beschrieben bekommen, auf was sie zusteuern.
Pflichtlektüre! 

Sonntag, 4. August 2019

Ian McEwan - Maschinen wie ich






Verlag: Diogenes
Seiten: 417
Erschienen: 22. Mai 2019
Preis: 25 Euro (Ebook: 21.99 Euro)








Charlie ist in den mittleren Jahren und lebt in einer kleinen Wohnung in London. Als er unerwartet an eine größere Menge Bargeld kommt, entscheidet er sich gegen einen Umzug in eine größere Wohnung und für eine ganz besondere Anschaffung. Er legt sich einen der ersten auf den Markt kommenden Roboter zu. Er trägt den Namen Adam und unterscheidet sich im Aussehen und Verhalten fast nicht mehr von den Menschen, außer, dass er einen Supercomputer im Kopf hat. Zusammen mit seiner Nachbarin Miranda, in die sich Charlie mittlerweile verliebt hat, legen sie gemeinsam Adams Persönlichkeit fest und stolpern in ein Leben mit einer künstlichen Intelligenz. 
Doch wie viel Leben und wie viel Bewusstsein steckt eigentlich in Adam? 
Diese Frage muss sich Charlie stellen, als Adam ihm das Geständnis macht, dass er sich ebenfalls in Miranda verliebt hat und sich zwischen den ungewöhnlichen Protagonisten eine Dreiecksgeschichte entwickelt. 

Schon lange im Vorfeld habe ich mich auf Ian McEwans neuen Roman "Maschinen wie ich" gefreut. Der Inhalt klang ungewöhnlich und ich erwartete eine frische und ebenso ungewöhnliche Geschichte. Und die habe ich bekommen. 
McEwan beschäftigt sich mit einem Thema, das die Menschen schon lange fasziniert hat, künstliche Intelligenzen. Aber er geht noch einen Schritt weiter, in "Maschinen wie ich" erleben wir ein London in den achtziger Jahren, das von Inflation und Arbeitslosigkeit gezeichnet ist. Doch der Grund dafür sind hauptsächlich die Unmengen an Maschinen, die auf den Markt gespült werden und menschliche Arbeit immer mehr ersetzen. Hier ist die Welt in Sachen künstliche Intelligenzen einen erheblichen Schritt weiter, als sie es im wirklichen London der achtziger Jahre gewesen ist. 
Im Mittelpunkt von McEwans Geschichte steht Charlie, ein Mann in den mittleren Jahren, der, nachdem er zu einer großen Menge Bargeld kommt, sich dagegen entscheidet aus seiner trostlosen und viel zu kleinen Wohnung auszuziehen, um sich etwas Größeres zu leisten und stattdessen einen der ersten menschlichen Roboter kauft. An dieser Handlung erkennt man, dass Charlie noch nicht wirklich im Erwachsenenleben angekommen scheint. Er beschwert sich zwar öfter über seine Wohnsituation, doch als er die Möglichkeit bekommt diese zu ändern, entscheidet er sich aus purer und vielleicht auch ein wenig kindlicher Neugier heraus sich ein persönliches Spielzeug zuzulegen. Doch als erst Miranda und dann auch noch Adam in sein Leben treten, ändert sich alles. Zuerst ist da Miranda, seine Nachbarin, für die Charlie Gefühle entwickelt, die er sich selbst nicht ganz erklären kann und auch Miranda bleibt zunächst undurchsichtig und scheint ein Geheimnis mit sich herum zu tragen. Und dann ist da Adam, der wohl prägnanteste und interessanteste 'Charakter' in "Maschinen wie ich", der, während die Handlung voranschreitet ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln scheint, das, wie er selbst behauptet, fähig ist nicht nur erstaunliche Leistungen anhand des Supercomputers in seinem Kopf zu produzieren, sondern auch lieben und so etwas wie Moral entwickeln kann. Und genau hierbei erkennt man, warum Ian McEwan mit "Maschinen wie ich" ein Kunststück gelungen ist. 
Der Autor stellt die richtigen und wichtigen Fragen, mit denen wir uns auch in der Realität irgendwann beschäftigen müssen.
Wie viel Bewusstsein kann eine künstliche Intelligenz im täglichen Umgang mit Menschen entwickeln?
Sind sie tatsächlich fähig zu lieben, zu trauern, also Emotionen zu haben, und auf moralische Weise zu handeln?
Was passiert eigentlich mit einen 'Maschinen-Gehirn', das nicht wie bei uns die enorme Menge an vor allem negativer Information, wie Klimawandel, Krieg, Mord etc., herausfiltern kann? Also die Welt, wie grausam sie die meiste Zeit ist, pur und ohne Filter erleben muss?
Und vor allem, was geschieht eigentlich mit der Gesellschaft, wenn uns Maschinen und künstliche Intelligenzen irgendwann ersetzen?
Diese Fragen geht McEwan in seinem neuen Roman an und lässt um sie herum eine interessante und gut konstruierte Handlung entstehen, die "Maschinen wie ich" zu einer unglaublich guten und sehr lesenswerten Lektüre macht.

Sonntag, 28. Juli 2019

Lesemonat Juni

Hier ist mein kleiner und verspäteter Lesemonat Juni. 
Klein aber fein.
Im Juni habe ich insgesamt vier Bücher gelesen mit 1698 Seiten. 
Das sind vergleichsweise eher weniger Bücher, trotzdem war ein echtes Jahreshighlight dabei. Dazu mehr am Ende des Beitrags.

Beginnen wir den Lesemonat mit dem Auftakt der Spiegelreisende Reihe "Die Verlobten des Winters" von Christelle Dabos. Ich war im Vorfeld sehr gespannt auf die Reihe, die einiges versprochen hatte. Insgesamt war es auch ein solider Auftakt. Allerdings gab es doch sehr viele Momente, in denen ich die Geschichte doch sehr langatmig fand, dementsprechend habe ich auch verhältnismäßig sehr lange für das Buch gebraucht. Aber zusammenfassend ist die Grundidee und die Konstruktion der Handlung interessant aufgebaut, so dass ich der Fortsetzung sehr wahrscheinlich eine Chance geben werde. 

Weiter ging es im Juni mit einer eher etwas enttäuschenden Lektüre. Als ich damals den Debütroman von Marc Elsberg gelesen habe, war ich begeistert. "Black Out" war ein mögliches erschreckendes, reales und beängstigendes Zukunftsszenario, in das ein Terroranschlag auf das Stromnetzwerk thematisiert wurde und wie abhängig wir von der Elektrizität sind, ohne uns dem bewusst zu sein. Dementsprechend neugierig war ich auf Elsbergs neustes Werk "Gier- Wie weit würdest du gehen?", in dem der mysteriöse Tod eines Nobelpreisträgers einen unbeteiligten Krankenpfleger zum Gejagten macht. Leider war die Lektüre ebenfalls an vielen Stellen sehr langatmig und aufgrund der Fachsprache auch oft schwer verständlich. So war es sehr mühsam das Buch zu lesen und "Gier" wanderte auf den eher schwächeren Elsberg- Lektürenstapel.

Das nächste Buch aus dem vergangenen Monat hat meine Zuneigung zu einem bestimmten Genre neu entfacht. Das Fantasy-Genre und ich hatten in den letzten Monaten ein paar Probleme, doch dann kam "Mitternacht" von Christoph Marzi und alles war wieder gut. Marzi erschafft in seinem neuen Roman ein frisches und unterhaltsames Fantasy-Szenario, das er in London spielen lässt, einer Stadt, die allein schon durch ihre pure Anwesenheit eine eigene Magie ausstrahlt. Eine Stadt, die fast schon prädestiniert für einen guten Fantasy-Roman steht. Und das ist "Mitternacht", zweifellos. Das Ende mag etwas plötzlich erscheinen, doch im Nachwort schließt Marzi die Möglichkeit einer Fortsetzung nicht aus. Ich freue mich jetzt schon drauf. 

Kommen wir nun zu meinem absoluten Highlight des Monats. "Alles still auf einmal" von Rhiannon Navin ist eine tieftraurige Geschichte. Sie erreicht Stellen in deinem Herzen, von denen du nicht geglaubt hast, dass sie existieren. In "Alles still auf einmal" erzählt ein sechsjähriger Junge namens Zach das Unfassbare, als ein Junge mit einer Waffe in seine Schule kommt und seine Mitschüler und Lehrer erschießt. Zach wird gerettet, doch sein älterer Bruder Andy stirbt bei dem Amoklauf. Fortan lebt Zach in seiner Familie, die vom Schmerz des Verlustes und der Unfassbarkeit der Tat überwältigt ist. Doch anders als die Erwachsenen um sich herum, versteht es Zach mit einer unglaublichen Feinfühligkeit sich in dieser tieftraurigen Situation zurechtzufinden. Ich habe selten bei einem Buch sooft geweint, wie hier. Zach ist ein großartiger Charakter, den man sofort ins Herz schließt, weil er zeigt, dass es auch in dieser unwirklichen und unfassbaren Situation ein bisschen Hoffnung gibt, man muss nur lernen sie zu erkennen. 

Das war er. Mein Lesemonat Juni. Gerade noch rechtzeitig, damit sich der Lesemonat Juli nahtlos anschließen kann. Ich freue mich drauf. 

Mittwoch, 10. Juli 2019

(Lisa schreibt): Über das Recht allein sein zu wollen

Auf meine Mitmenschen wirkte ich an diesen kühlen Sonntagabend fast schon ausgestellt. Als würde ich mich nicht wie sie normal umher bewegen, sondern in einem Käfig hocken mit einem Schild obendrüber und der Aufschrift: 
'Kuriositäten aus aller Welt'. 
Kommen Sie näher, meine Damen und Herren, trauen Sie sich, hier sehen Sie etwas, was es wohl noch nie gegeben hat: 

Eine junge Frau, die alleine ins Kino geht.

An dieser Stelle sollte sich die dramatisch musikalische Untermalung bitte hinzugedacht werden. 
Sie finden, ich übertreibe? Vielleicht, ein bisschen. 
Denn als ich in freudiger Erwartung auf meinen ausgewählten Film an der Kinokasse stand, kam mir überhaupt nicht in den Sinn, dass ich hier etwas tat, was wohl zumindest im kleinstädtischen gesellschaftlichen Kontext nicht unbedingt üblich war. Ich freute mich einfach auf meinen Film, den ich schon seit Wochen schauen wollte, es aber nie ins Kino geschafft hatte und auf den ich nicht in hundert Jahren verzichtet hätte, bloß, weil niemand gerade Zeit gehabt hätte mich zu begleiten. 
Doch als ich, noch ganz hingerissen vom Zauber eines großartigen Films, den Kinosaal verließ, traf ich zufällig auf eine gute Freundin von mir, die standesgemäß begleitet von einer Freundin ihrerseits ebenfalls einen Kinosaal verließ. Nach ein wenig Smalltalk, stellte sie die wohl obligatorische Frage, wenn man sich zufällig in einem Kino begegnete:
"Mit wem bist du denn hier?".
Als ich ihr die für mich normale Antwort nannte, erschien auf ihrem Gesicht jener Ausdruck, der mich für sie offensichtlich in den Kuriositätenkäfig verbannt hatte. Und ob es meiner Einbildungskraft geschuldet war, oder nicht, als ich im Nachhinein den Kinoabend Revue passieren ließ, sind mir doch einige seltsame Blicke aufgefallen, die mir in den Kinosaal gefolgt sind. 
Und aus diesem Grund fordere ich mein Recht allein sein zu wollen ein. 
Wieso ist es eine gesellschaftliche Abweichung vor allem kulturelle Dinge allein machen zu wollen?
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin durchaus gerne in Gesellschaft, egal, ob es sich um einen Kinobesuch handelt oder anderes, doch ich würde niemals auf etwas, das ich gerne unternehmen möchte, verzichten wollen, weil sich niemand gerade an meine Stelle stellen möchte. 
Ich gehe allein ins Kino, auf Konzerte, ich setze mich auch gerne einmal mit einem Buch irgendwo in ein Cafe oder ein Restaurant und- um es ganz auf die Spitze zu treiben- ich verreise auch alleine. Ich verbringe unheimlich gerne Zeit mit mir selbst und ich genieße sie auch ganz bewusst, egal, ob ich mir einen Film im Kino ansehe oder in der Öffentlichkeit meinen hundertfünfzig Meter großen Turm ungelesener Bücher abarbeite. 
Wenn ich daran denke, was ich alles verpasst hätte, weil ich nicht alleine irgendwo hätte hingehen wollen, wären das zu viele wunderbare Abende, wunderschöne Orte oder großartige Filme gewesen. Und das sind doch diese Momente, die das Leben an manchen Tagen ein Stück schöner machen. 

Sollten da draußen also weitere Kuriositäten wie ich herumlaufen, denkt daran, wir können uns zwar nicht sehen, aber fordert euer Recht allein zu sein weiter ein. 
Und sollten Sie uns sehen, wir sind nicht einsam, wir haben gute Freunde und genug gesellschaftliche Kontakte. Wir sind nicht gerade versetzt worden, wir sind an den meisten Tagen völlig normal sozialisierte Menschen, doch es gibt einfach Tage, da wollen wir nur diesen einen Film sehen und da ist es völlig in Ordnung, wenn der Kinositz nebenan leer bleibt.

Ich breche heute übrigens heute Abend auf meinem Kuriositätenkäfig aus und gehe mit einer guten Freundin ins Kino. Doch die nächste Vorstellung im Kuriositätenkabinett lässt sicherlich nicht lange auf sich warten.

Sonntag, 9. Juni 2019

Lesemonat Mai

Hallo, hallo Lesemonat Mai?
Da ist er ja. 
Mein Lesemonat Mai. 
Im vergangenen Monat habe ich insgesamt acht Bücher gelesen mit insgesamt 4133 Seiten. Das ist schon einmal eine ganze Menge. 
Zwei Monatshighlights und - Obacht -  ein Jahreshighlight waren auch dabei. 
Dann kann es ja losgehen. 

Und weil ich heute mal Lust darauf habe, fangen wir einfach mal mit meinem Jahreshighlight aus dem Lesemonat Mai an. Und das war ganz klar: "Die Wahrheit über den Fall Harry Quebert" von Joel Dicker
Schon lange nicht mehr konnte mich ein Buch so wahnsinnig gut über 733 Seiten hinweg unterhalten. Dickers Debütroman ist an keiner Stelle zäh oder gar langweilig. Jede Situation, jedes Detail ist wichtig und auf der Zielgerade dieser wunderbaren Geschichte ist es fast nicht mehr möglich, das Buch beiseite zu legen. Viele bezeichnen Dickers Roman als einen Krimi, doch er ist viel mehr als das. Egal, ob es um ein Gesellschaftsporträt, der Liebesgeschichte, den charmanten Humor oder um die Macht des geschriebenen Wortes geht, dieses Buch hat für jeden etwas in petto. Eine uneingeschränkte und dringende Leseempfehlung!

Weiter ging es im Mai mit einem kleinen Ende. Wieder einmal. Mit dem siebten Band "Harry Potter und die Heiligtümer des Todes" von Joanne K. Rowling endete auch ein weiteres Reread meines allerliebsten Zauberschülers. Es war mir wieder einmal eine besondere Ehre, dass mir die Türen von Hogwarts ein weiteres Mal geöffnet wurden. Harry bleibt nicht nur meine absolute Lieblingsgeschichte, sondern auch ein alter Freund, den ich immer wieder besuchen kann. Wahrscheinlich wieder im nächsten Jahr, wir sehen uns, Harry. 

Das nächste Buch war Lyrik. Auf Atticus' Gedichtband "Love her wild" habe ich mich schon sehr gefreut, weil ich bisher nur Gutes von der besonderen Wortzusammenstellung des anonymen Künstlers gehört habe. Seine Worte konnten mich dann auch berühren, aber wirklich erreicht haben sie mich trotzdem nicht. Den Grund kann ich nicht benennen. Lyrik hat für mich viel mit den eigenen Gefühlen zu tun und wenn die behandelten Themen in den Gedichten nicht ganz passen, passt es für mich dann wohl auch nicht ganz. Trotzdem kann Atticus mit Worten definitiv umgehen und lässt Wunderschönes entstehen. Meine Lyrikqueen bleibt aber - unangefochten- Amanda Lovelace. 

Weiter ging der Mai mit einem weiteren Reread. Vor fünfzehn Jahren habe ich zum ersten Mal "Neunzehn Minuten" von Jodi Picoult gelesen und auch beim zweiten Mal hat es mich immer noch umgehauen. Dass Picoult gut mit Dramen umgehen kann, ist mittlerweile bekannt, in diesem Fall allerdings macht sie es mit Perfektion. Es geht um einen Amoklauf in einer Schule, bei dem einer der Protagonisten in neunzehn Minuten mehrere Menschen erschießt. In Rückblicken erzählt die Autorin dann, wie es schlussendlich zu der Katastrophe kommen konnte. Dabei richtet sie vor allem den Blick auf den Täter, der jahrelang mit schlimmsten Mobbingattacken konfrontiert wurde. Picoult spielt in ihrer Geschichte mit der Schuldfrage, die sich immer wieder verschiebt. Für mich gehört "Neunzehn Minuten" ganz klar zur Schullektüre und sollte sooft in der Schule gelesen werden, wie möglich.

Im Mai habe ich außerdem mein persönlich erstes Buch von Roxane Gay gelesen. "Hunger- Die Geschichte meines Körpers" stand schon ewig auf Englisch auf meiner Wunschliste. Als ich dann durch Zufall erfuhr, dass es endlich auch auf Deutsch übersetzt wurde, musste ich es endlich lesen. Vielleicht ist "Hunger" keine Geschichte, auf die die Welt gewartet hat, und doch ist sie zweifellos eine wichtige Geschichte und eine, die erzählt werden muss. Als junges Mädchen wird die Autorin, die hier ihre Lebensgeschichte erzählt, von mehreren Jungen vergewaltigt. Sie verschweigt dieses traumatische Erlebnis, das sich mit Gewalt immer mehr Platz im Leben und in der Psyche der Autorin nimmt. Um ihren Körper stärker zu machen und so vor sexueller Gewalt zu schützen, nimmt Roxane Gay immer mehr an Gewicht zu. Konfrontiert mit der Ablehnung der Gesellschaft und alltäglichen Problemen, mit denen adipöse Menschen jeden Tag konfrontiert werden, schafft die Autorin ein Bewusstsein oder ein verändertes Bewusstsein bei ihren Leserinnen und Lesern zu bewirken. Zu diesem Buch gibt es auch eine Rezension von mir zu lesen. "Hunger" gehört definitiv zu meinen Monatshighlights. 

Und wenn wir schon einmal bei Monatshighlights sind, kommt hier noch ein Weiteres hinzu. Mit "Kompass ohne Norden" hat sich Neal Shusterman im letzten Jahr in mein Herz geschrieben. So einen besonderen Roman habe ich schon lange nicht mehr gelesen. Dementsprechend gespannt war ich natürlich auf sein neustes Werk "Dry", das Shusterman dieses Mal zusammen mit seinem Sohn Jarrod geschrieben hat, dem er übrigens "Kompass ohne Norden" gewidmet hat. Im aktuellen Werk der Shustermans geht es um ein dystopisches Szenario, das seine dystopischen Elemente nicht nur im Vorfeld bereits verliert, sondern auch während des Lesens. "Dry" macht Angst, denn eine Situation, in der im kompletten Teil Südkaliforniens plötzlich von einem auf den anderen Moment das Wasser ausgeht und keine Rettung in Sicht ist, liegt schon lange nicht mehr so weit in einer möglichen Zukunft, in der der ein oder andere sich das gerne vorstellen mag. Die Klimaerwärmung ist da. Kalifornien litt mehrere Jahre an einer Dürreperiode, in der chronische Wasserknappheit herrschte und ist sicherlich nicht das einzige Beispiel auf diesen Planeten. Das Buch der Shustermans ist eine Warnung, eine von vielen und vielleicht schon eine, die zu den letzten gehören, wenn wir nicht endlich aufhören so zu tun, als hätten wir einen zweiten Planeten im Kofferraum. 
Unbedingt lesen!

Ich habe es so lange hinausgezögert, wie es geht, weil ich einfach nicht wollte, dass es dem Ende zugeht, doch jetzt konnte ich nicht mehr warten. "Paper Girls 4" von Brian K. Vaughan musste ich endlich lesen. Auch wenn mit dem fünften Teil das Ende dieser geliebten Comic-Reihe diesen Monat bei mir eingezogen ist. Und es war natürlich mal wieder ein einziges wunderbares Abenteuer. Ich habe definitiv mein Herz an die vier Zeitungsmädchen verloren, die mit irren Zeitreisen mich immer wieder begeistern konnten. Natürlich freue ich mich auf den fünften Band, bin aber gleichzeitig auch wirklich traurig. Meine Traurigkeit könnte sich höchstens dadurch mindern lassen, wenn sich Netflix endlich entschließt aus dieser großartigen Comic-Reihe eine Serie zu machen. Ist auf jeden Fall überfällig!

Zum Schluss kommt das dicke Ende. Dieses Mal in Form von Haruki Murakami's über tausend Seiten dickes Werk "1Q84". Es gibt sogar noch eine Fortsetzung dieser sehr umfangreichen Geschichte. Ich bin mir zwar noch nicht ganz sicher, ob ich weiterlesen soll, trotzdem hat mir das vorliegende Buch wirklich gut gefallen. Der berühmte Murakami Geist war schon nach wenigen Minuten in der Lektüre allgegenwärtig. Ich liebe es, wenn man den Stil einer bestimmten Autorin oder eines bestimmten Autoren in Geschichten sofort wiederfindet. Murakami kann man gar nicht beschreiben, den muss man erleben. Für mich gehört er immer noch zu meinen absoluten Lieblingsautoren, was "1Q84" mal wieder eindrucksvoll beweist. 

Und das war es auch schon wieder. 
Mein Lesemonat Mai. Wieder einmal war es bunt gemischt, aber das gefällt mir sowieso am besten. 
Ich freu mich schon auf den nächsten Monat. 

Sonntag, 2. Juni 2019

(Lisa schreibt) Digitalwüste Deutschland

Ich stehe an einem kleinen Bahnhof, der zu einem Dorf gehört, irgendwo im Süden Englands. Die pulsierende Stadt London haben wir schon lange hinter uns gelassen und es geht Richtung Küste ans Meer. Ich warte auf meinen Anschlusszug und frage, wie viel Kilometer verbleiben, bis ich endlich wieder das Wasser sehen kann. Es sind genau neunundsiebzig Kilometer. 
In Zeiten von Smartphone und den unendlichen Weiten des Internets ist es manchmal so einfach Fragen zu beantworten. In gerade mal zehn Sekunden weiß ich, wie viel Strecke ich noch zurücklegen muss, damit ich endlich ans Urlaubsziel komme. Die Bahn kommt pünktlich. Alles läuft nach Plan.

Einige Wochen später hat sich mein entspannter Gesichtsausdruck komplett gewandelt. Mit genervter Miene stehe ich an einem Bahnhof irgendwo in der Nähe von Köln. Mein ursprünglicher Plan eine Freundin in Frankfurt zu besuchen verwandelte sich in eine komplette Katastrophe. Irgendwo hinter Köln hat mich mein Zug, der mich eigentlich per Direktverbindung nach Frankfurt bringen sollte, ausgespuckt und seit einer halben Stunde versuche ich verzweifelt herauszufinden, wo ich bin und vor allem wie ich hier wieder wegkomme. Aus meinen Bemühungen lässt sich leicht eine Zirkusnummer machen, da ich mein Smartphone in alle Richtungen halte und auf dem Bahnsteig von einem Bein auf das andere hüpfe. Es fehlt nur noch die Clownsnase und das Einrad. Auch wenn ich meine reisenden Mitmenschen damit durchaus belustige, bleiben meine Versuche erfolglos. Kein mobiles Netz, kein Internet und somit auch keine Chance herauszufinden, wie ich diesen Ort verlassen kann. 
Am besten, ich kaufe mir Clownsschminke und suche mir einen netten Zirkus zum Mitreisen, bis ich wieder Netz habe.

Trotz auf das Smartphone stierende Zombies, die durch die Innenstädte flanieren und einer Gesellschaftsstruktur, die nur noch aus Digitalisierung zu bestehen scheint, hat es unsere Kanzlerin, Angela Merkel, einmal unfreiwillig auf den Punkt gebracht: Das Internet ist für uns 'Neuland'. 
Während es in anderen Ländern eine Selbstverständlichkeit ist, beim zur Verfügung stellen eines mobilen Netzwerkes keinen Unterschied zu machen, ob man auf ein weites Feld blickt oder gerade das Glück hat sich in einer Stadt zu befinden, traben wir in Deutschland der Digitalisierung hinterher. Als moderner Mensch in einer zivilisierten Gesellschaft ist es fast nicht mehr möglich ohne Internet unterwegs zu sein und doch kann man fast vor dem inneren Auge die ungläubigen Gesichter der älteren politischen Damen und Herren sehen, wenn ihnen eröffnet wird, dass es in anderen Ländern in den Städten überall freies WLAN gibt.
Egal, wo man steht. Und das ganz ohne Hüpfen und Beten. 
Toll, wie die Digitalisierung funktioniert...außerhalb von Deutschland. 

In Deutschland allerdings hat sich der Begriff der 'Digitalwüste' mit Begeisterung durchgesetzt. Nehmen wir das Beispiel der Schulen. 
Schulen, die Bildungseinrichtungen, in denen unsere Hoffnungsträger für die Zukunft ausgebildet werden und da die Digitalisierung außerhalb von Deutschland unaufhaltsam und zügig voranschreitet und bei uns gemächlich dahinfließt, würde man davon ausgehen in den Schulen zumindest ein paar Hoffnungsträger in Sachen Digitalisierung zu finden. Und tatsächlich sind Internet Klassenzimmer mit Tablet Präsentationen und Virtual Reality Brillen keine Seltenheit mehr. Vorbei die Zeiten, in denen Lehrerinnen und Lehrer bereits bei der Programmierung eines Videorekorders verzweifelt die Hände über den Köpfen zusammengeschlagen haben. Jetzt sind unsere Lehrer auf dem neusten Stand der Technik und können ihre Schülerinnen und Schüler den Lernstoff sogar mit Hilfe der virtuellen Realität vermitteln.
Aber ist das wirklich der Fall oder ist die digitale Ausrüstung deutscher Klassenzimmer ein netter Anfang aber noch lange nicht das Ende des Weges?
Ich habe mit einer Lehrerin gesprochen und bestätigt bekommen, dass man sich als Lehrerin oder Lehrer zwar nicht über fehlende digitale Ausrüstung beschweren, der Knackpunkt allerdings bei der Vermittlung besteht, wie man diese Technik sinnvoll in den Unterricht integrieren kann. Es fehlt an kompetenten Schulungen für die, die das Wissen vermitteln. So bleibt digitaler Unterricht meistens auf der Strecke und der gute alter Overheadprojektor kommt wieder zum Einsatz. So werden Lerninhalte auch vermittelt, doch der Digitalisierung hilft es nicht weiter, wenn die nötigen technischen Geräte im Klassenzimmer verstauben. 
Früher, wenn Lehrerinnen und Lehrer bereits bei der Einstellung des Videorekorders verzweifeln, waren es meistens die Schüler, die sie retteten. Dieses Bild hat sich bis ins heutige Jahr gehalten. Das ist im gesellschaftlichen Wandel eine normale Erscheinung, da die Jüngsten bereits von klein auf mit Digitalisierung konfrontiert werden und es den älteren Mitglieder der Gesellschaft immer schwerer fällt mitzuhalten und bei vielen schlichtweg die Bereitschaft fehlt sich mit digitalen Inhalten auseinanderzusetzen. 

Mit der Zeit haben sich in Deutschland also immer mehr digitale Baustellen aufgetan, so dass der Begriff 'Digitalwüste' eine treffende Bezeichnung ist für ein Land, das zwar glaubt im Digitalisierungszug zu sitzen und mitzufahren aber in Wahrheit immer öfter an Bahnhöfen strandet, mitten im Nirgendwo, und verzweifelt hüpfend versucht Netzempfang zu bekommen. 
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