Mittwoch, 8. Januar 2020

Melanie Raabe - Die Wälder

Für Nina bricht eine Welt zusammen, als sie die Nachricht vom Tod ihres besten Freundes Tim erreicht. Dieser, ein junger aufstrebender Fotograf, hatte sein ganzes Leben eigentlich noch vor sich, wie konnte es also zu seinem frühen Tod kommen?
Als Nina beginnt nachzuforschen ist es, als wäre eine Tür zu ihrer Vergangenheit geöffnet worden, denn sie findet heraus, dass Tim in dem Dorf gestorben ist, in denen sie alle zusammen aufgewachsen sind, das Dorf, das sie eigentlich nie wieder sehen wollten. Als dann noch ein mysteriöser Brief von Tim Nina erreicht, weiß sie, dass das grausame und alte Geheimnis ihrer Kindheit wieder hervorbricht und sie eine alte Schuld begleichen muss...

Mit "Die Wälder" legt Melanie Raabe ihren mittlerweile vierten Thriller vor und dieser steht seinen erfolgreichen Vorgängern in nichts nach. Doch obwohl "Die Wälder" in Sachen Spannung den anderen Romanen der Autorin gleicht, ist es doch anders und besonderer geschrieben. Denn Melanie Raabe konstruiert hier nicht nur eine spannende Handlung, die ihre Leserinnen und Leser atemlos durch die Seiten des Romans fliegen lassen, sie erzählt auch die Geschichte einer besonderen Freundschaft, die ihren Anfang in einem kleinen Dorf genommen hat, das abseits der normalen Welt zu liegen scheint. Sie erzählt von einem langen Sommer, unbeschwerten Tagen und einem schrecklichen Ereignis, das diesen Sommer von einem auf den anderen Tag beendet hat und die jugendlichen Beteiligten mit einem grausamen Schwur zwang erwachsen zu werden. 
Bei dieser Thematik ist es fast nicht möglich den Einfluss eines berühmten Schriftstellers, der völlig zu Recht einen 'König' im Nachnamen hat, zu bemerken. Aber das ist überhaupt nicht negativ gemeint, denn Melanie Raabe gelingt es mit ihrem einzigartigen Schreibstil einen eigenen und wirklich gut erzählten Handlungsstrang zu kreieren. Mit viel Charme, Witz und einer gehörigen Portion Spannung wird diese Reise in die Vergangenheit ein wahrer Lesegenuss. 
Doch dann wäre da noch die primäre Handlung, in der die Autorin wieder einmal mit allem glänzt, was sie zu einer so guten Thriller Schriftstellerin macht. Als Leserin oder als Leser hat man auf jeder umgeblätterten Seite ein bisschen Angst weiterzulesen, denn im gesamten Roman erweckt Raabe immer wieder den Eindruck, dass gleich etwas Elementares passiert, das die gesamte Handlung noch einmal umwerfen könnte. Und mehr als einmal geschieht auch genau das. Zudem versteht es die Autorin geschickt die Leserinnen und Leser auf falsche Fährten zu locken. Man ist schon fast überzeugt die Handlung durchschaut zu haben, um kurz darauf eines Besseren belehrt zu werden. Dadurch entsteht eine Spannung, die sich möglicherweise zwar langsam aufbaut, die aber am Ende so undurchdringlich ist, als würde man selbst im Wald stehen, der gerade von einem besonders hartnäckigen Nebel heimgesucht wurde. Und wenn wir dann schon einmal beim Wald sind, kommt dann eine weitere Neuerung in Melanie Raabes neuem Roman hervor. Durch die detailreichen Beschreibungen des Handlungsszenarios, erhält "Die Wälder" neben der Spannung und der Geschichte einer besonderen Freundschaft auch noch eine gehörige Portion Grusel, der einen mindestens einen unbehaglichen Blick nach hinten werfen lässt, wenn man das nächste Mal einen Wald betritt.
Unbedingt lesen! 

Verlag: btb
Erschienen: 27. Dezember 2019
Seiten: 432
Preis: 16 Euro (Ebook: 12.99 Euro)

Montag, 2. Dezember 2019

Stephen Chobsky - Der unsichtbare Freund





Verlag: Heyne
Seiten: 913
Erschienen: 04. November 2019
Preis: 24 Euro (Ebook: 18.99 Euro)







Auf der Flucht vor ihrem gewalttätigen Exfreund Jerry, zieht es die alleinerziehende Mutter Kate und ihren siebenjährigen Sohn Christopher in das beschauliche Örtchen Mill Grove in Pennsylvania. Es führt bloß eine Straße hinein und eine Straße hinaus in die Stadt. Umgeben ist der Rest von Mill Grove von einem riesigen Waldstück, dem sogenannten Missionswald. 
Doch kurz nach der Ankunft in Mill Grove passiert das Unfassbare. Christopher verschwindet plötzlich spurlos. Jede Suche nach ihm bleibt vergebens, bis er sechs Tage später genauso plötzlich wieder auftaucht, am Rande des Missionswaldes ohne Erinnerung daran, was ihn in den Tagen seiner Abwesenheit geschehen war oder, wo er sich aufgehalten hatte. Bald schon wird sich mit der Erklärung abgefunden, dass sich Christopher wohl im Wald verirrt habe, doch kurz nach seinem glücklichen Wiederauftauchen beginnt dieser sich seltsam zu verhalten und behauptet, ein unsichtbarer Freund hätte ihm den Auftrag erteilt, ein Baumhaus im Wald zu bauen. Christopher wagt es nicht seiner Mutter die Wahrheit zu sagen und zwar, dass von diesem Baumhaus nicht nur das Überleben der gesamten Einwohnerschaft Mill Groves abhängt, sondern das der ganzen Menschheit...

Bereits nach ein paar Sätzen aus dem Inhalt von "Der unsichtbare Freund" von Stephen Chobsky war mir klar, dass ich dieses Buch haben musste. Chobskys erst zweiter Roman, den er ganze zwanzig Jahre nach seinem Debüt veröffentlicht hat und mit dem er zudem einen krassen Genrewechsel vollzieht, klang wie eine Mischung aus Stephen Kings besten Zeiten und der erfolgreichen Mysteryserie 'Stranger things'. 
Nach der Lektüre muss ich meine Einschätzung über 'Stranger things' zwar zurücknehmen, doch die außergewöhnlichen Ähnlichkeiten mit gerade den früheren Romanen Stephen Kings ist zweifellos gegeben und das ist überhaupt nicht negativ gemeint, denn Chobsky ist mit "Der unsichtbare Freund" das gelungen, was King zur Perfektion beherrscht: eine großartige Geschichte zu erzählen, die es der Leserin und dem Leser unmöglich macht, irgendetwas Anderes in seiner Umgebung wahrzunehmen, als dieses Buch.
Ich bin eine begeisterte Teetrinkerin beim Lesen und kann nicht zählen, wie oft, während der Lektüre zu "Der unsichtbare Freund" der Tee kalt geworden ist, weil es nichts mehr für mich gab, außer diese Geschichte. Außerdem beherrscht Chobsky ebenfalls Kings Talent dicke Schmöker auf den Markt zu werfen, in denen scheinbar kein Wort zu viel zu sein scheint. Obwohl das Buch mit knapp tausend Seiten mehr als umfangreich war, hatte ich nie das Gefühl, dass die Handlung künstlich in die Länge gezogen wurde oder das eine Szene zu viel war, außer natürlich, als die Geschichte sich dem Ende zuneigte und ich unbedingt wissen musste, wie sie ausging. 
Und auch die Figuren in Chobskys Roman hätten ebenso gerade erst aus einem Stephen King Buch gefallen sein können. Nicht nur, dass der Autor seine primäre Handlung ausschließlich mit Kindern besetzte, sondern auch die Nebencharaktere, die diese ganz eigentümlichen Eigenschaften haben, die sie zu etwas ganz Besonderem machen. Obwohl ich an dieser Stelle meine Einschätzung zu 'Stranger things' noch einmal korrigieren muss, denn gerade die Figurenkonstellation und ein Teil der Handlung erinnern dann doch an die Serie, in der ein kleiner Junge unter mysteriösen Umständen verschwand und dann verzweifelt und energisch von seiner Mutter gesucht wurde.
Und dann diese unfassbare Intensität. Es ist lange her, seit ich das letzte Mal von einem Buch geträumt habe. Ehrlich gesagt kann ich mich nur an einen bestimmten Clown erinnern, der vorwiegend in der Kanalisation umherwandert und mich bis in meine Träume verfolgt hat, aber "Der unsichtbare Freund" ist so unglaublich intensiv geschrieben, dass es mich sogar dann nicht losgelassen hat, wenn ich nachts im Bett lag und geschlafen habe. 
Auch wenn Stephen Chobsky in seinem neuen Roman zeigt, dass er nicht nur den Vornamen mit King gemeinsam hat und das auch ganz locker zugibt, schließlich wird der Meister persönlich in der Danksagung erwähnt, ist "Der unsichtbare Freund" eine großartige Geschichte geworden, ein Jahreshighlight, das mich auf jeder Seite begeistert und unterhalten hat.
Unbedingt lesen! 

Mittwoch, 13. November 2019

Sarah Perry- Melmoth




Verlag: Eichborn
Seiten: 337
Erschienen: 30. September 2019
Preis: 24 Euro (Ebook: 14.99 Euro)









Helen lebt ein unscheinbares Leben in der tschechischen Hauptstadt Prag. Alles an ihr scheint absolut gewöhnlich, fast scheint es, als würde Helen sich unsichtbar machen wollen. Als würde sie ihr Leben so weit bedeutungslos machen, dass es nicht mehr auffiel, dass sie es trotz allem weiterlebte. Trotz der unvorstellbaren Schuld, die Helen auf sich geladen hat.
Doch alles ändert sich, als ihr ein geheimnisvolles Manuskript in die Hände fällt. Darin ist von einer mysteriösen Gestalt namens 'Melmoth' die Rede, ein Schreckensmärchen Kindern erzählt, damit sie brav bleiben, aber doch auch immer wieder Gegenstand alter historischer Dokumente. Melmoth, die dazu verdammt wurde ewig auf Erden zu wandeln mit blutigen Füßen und die für immer in Einsamkeit vergeht, es sei denn, du ergreifst ihre Hand, denn Melmoth zeigt sich nur den wahrhaft Verzweifelten, die voller Trauer oder voller Sünde sind. 
Sie beobachtet dich schon lange und wartet nur auf den richtigen Augenblick...

Schon lange vor der Veröffentlichung von "Melmoth", geschrieben von Sarah Perry, habe ich mich auf das Buch gefreut, da der Inhalt eine mysteriöse und vielschichtige Spukgeschichte versprach. Nach der Lektüre von "Melmoth" kann ich bestätigen, dass es jede Menge Grusel bereit hält, doch Sarah Perry geht sogar ein bisschen weiter. Sie erzählt die Geschichte einer Spukgestalt, die aber gleichzeitig auch eine moralische Leitfigur darstellt. Denn verfolgt von Melmoth werden nur diejenigen, die große Trauer empfinden und einen Ausweg suchen oder große Schuld auf sich geladen haben und nicht mehr mit dieser leben können. Aus diesem Grund wird 'Melmoth' auch die Zeugin genannt, denn sie gibt Zeugnis über das Leben der Verfolgten ab und konfrontiert sie mit ihrer Trauer und ihrer Schuld. Natürlich hat 'Melmoth' nicht nur die Eigenschaften eines moralischen Kompasses, sondern auch die klassischen Züge der obligatorischen Gruselfigur mit einem, im Wind wehenden, gruseligen Gewand, auch wenn eigentlich kein Wind weht, und der Eigenart immer dann in Situationen aufzutauchen, in der man generell nicht mit gruseligen Spukgestalten umgehen kann, beispielsweise, wenn sie nachts an deinem Bett steht oder in einem Schaukelstuhl am Bett einer Patientin mit tragischem Schicksal in deren Zimmer du aus Versehen gestolpert bist. Und natürlich handelt es sich nicht um irgendeinen Schaukelstuhl, sondern um einen quietschenden.
Damit ist Sarah Perry mit ihrem Roman "Melmoth" ein wirkliches Kunststück gelungen. Sie findet genau die richtige Mischung zwischen Gruselgeschichte und moralischen Begebenheiten, die nicht nur dazu führen, dass man als Leserin oder Leser vollkommen in die Geschichte versinkt, sondern, dass sie nicht nur an einem Punkt nachdenklich stimmt. 
Zugegeben, durch allerlei Zeitsprünge, Figuren- und Zeitebenen Verschiebungen ist "Melmoth" keine Geschichte, die man nebenbei weglesen kann. Durchaus komplex geschrieben, läuft man Gefahr sich in den Worten zu verlieren, doch es lohnt sich dran zu bleiben, denn man wird mit einem Buch belohnt, dass man so schnell nicht vergessen wird. 

Donnerstag, 26. September 2019

Rob Hart - Der Store







Verlag: Heyne
Seiten: 593
Erschienen: 02. September 2019
Preis: 22 Euro (Ebook: 12.99 Euro)







Der Store liefert dir alles, was du brauchst und das in kurzer Zeit.
Der Store schafft Arbeitsplätze, Wohnungen und wird somit dein Lebensinhalt. Deine ersetzte Familie. 
Zinnia und Paxton schaffen den Sprung in die neue Welt, die Welt von 'Cloud'. Ein Vormachtsmonopol in den Vereinigten Staaten auf dem besten Weg die Kontrolle über das ganze Land zu übernehmen und weit darüber hinaus. Zurück lassen die beiden eine Welt, die vom Klimawandel gezeichnet ist und in der das Unternehmen 'Cloud', ihr neuer Arbeitgeber, den gesamten Einzelhandel einstürzen lassen hat. Verlassene Städte, die Geisterstädten gleichen, Arbeitslosigkeit und Armut waren die Folge. Sichere Arbeitsplätze gibt es nur noch bei 'Cloud'. 
Somit hatten die beiden Glück, aber ist das wirklich wahr?
Denn die Welt von 'Cloud' scheint nur auf dem Papier das Wahre zu sein...

"Der Store" lässt uns Klassiker wie "1984" von Orwell und "Schöne neue Welt" von Huxley vergessen. So ähnlich zumindest wurde Rob Harts erster Unterhaltungsroman angekündigt. Nach der Lektüre würde ich nicht behaupten, dass ich die großartigen Vorreiter des klassischen Dystopie-Romans vergessen hätte, aber trotzdem ist Rob Hart mit seiner Geschichte eines Unternehmens, dass quasi die Weltherrschaft übernehmen will, etwas Gutes und Wichtiges gelungen. Man könnte behaupten, er hätte Huxleys und Orwells Geschichten neu erfunden und sie auf unsere heutige Zeit übertragen, sie demnach mit Interaktionspunkten aus unserem Leben verbunden. Denn niemand wird bestreiten, dass wir in der Realität bereits eine abgemilderte Form von dem Unternehmen 'Cloud' haben. Ein Unternehmen, das bereits einen hohen Stellenwert in unserem Leben eingenommen hat und es scheint, dass es immer schlimmer wird, je mehr wir uns dagegen wehren. Auch unseren Innenstädten drohen Verödung und Aussterben, weil der Einzelhandel durch dieses Unternehmen immer mehr einknickt. Auch wenn in unserer Realität der klassische Einzelhandel einen langsameren Verfall widerfährt, als im vorliegenden Roman, ist der fast schon beängstigende Realitätsanspruch, den "Der Store" zweifellos inne hat eben das, er macht Angst. Mit eine vom Klimawandel gezeichneten Welt und Überwachungsmethoden, die nach "1984" in "Der Store" neue Dimensionen erreichen, uns in unserer Realität allerdings überhaupt nicht mehr fremd sind, scheint Rob Harts Darstellung einer vermeintlichen Utopie, eher eine Form unserer eigenen Zukunft darzustellen. Der Sinn und Zweck einer Dystopie ist erreicht, wenn man nach der letzten gelesenen Seite nach draußen laufen will, um den Menschen zu sagen, dass sie aufhören sollen so zu leben, wie sie es tun, wenn das eben Gelesene die Zukunft sein soll, nach der alle so strebsam sehnen. Ich hatte nach der letzten Seite "Der Store" die Schuhe bereits an. 
Rob Hart beweist mit seinem Roman, dass er das Genre 'Dystopie' zur Perfektion beherrscht. "Der Store" ist eine erschreckende, realitätsnahe und großartige Geschichte geworden. Dazu ist es dem Autoren überdies gelungen zwei unheimlich interessante Figuren in seine Geschichte einzuarbeiten, die aus ganz unterschiedlichen Gründen den Weg in die 'Cloud' wählen und ihre Geschichten, trotz einiger Berührungspunkte, verschiedene Wege nehmen. 
Um dem Ganzen zum Schluss die Krone aufzusetzen, bekommt auch noch der Handlungsort des Romans und Heimatland des Autoren Rob Hart, die USA, ihren berüchtigten, schreiberischen Seitenhieb, der in den sogenannten 'Black Friday' Massakern einen fast schon satirischen Höhepunkt findet. 
Eigentlich wird Rob Harts Roman somit zu einer Geschichte, die jeder lesen sollte. Diejenigen, die sich zu viel kümmern und bestärkt werden, dass sie diese Zukunft nicht haben wollen. Und diejenigen, die sich zu wenig kümmern und ins kleinste Detail beschrieben bekommen, auf was sie zusteuern.
Pflichtlektüre! 

Sonntag, 4. August 2019

Ian McEwan - Maschinen wie ich






Verlag: Diogenes
Seiten: 417
Erschienen: 22. Mai 2019
Preis: 25 Euro (Ebook: 21.99 Euro)








Charlie ist in den mittleren Jahren und lebt in einer kleinen Wohnung in London. Als er unerwartet an eine größere Menge Bargeld kommt, entscheidet er sich gegen einen Umzug in eine größere Wohnung und für eine ganz besondere Anschaffung. Er legt sich einen der ersten auf den Markt kommenden Roboter zu. Er trägt den Namen Adam und unterscheidet sich im Aussehen und Verhalten fast nicht mehr von den Menschen, außer, dass er einen Supercomputer im Kopf hat. Zusammen mit seiner Nachbarin Miranda, in die sich Charlie mittlerweile verliebt hat, legen sie gemeinsam Adams Persönlichkeit fest und stolpern in ein Leben mit einer künstlichen Intelligenz. 
Doch wie viel Leben und wie viel Bewusstsein steckt eigentlich in Adam? 
Diese Frage muss sich Charlie stellen, als Adam ihm das Geständnis macht, dass er sich ebenfalls in Miranda verliebt hat und sich zwischen den ungewöhnlichen Protagonisten eine Dreiecksgeschichte entwickelt. 

Schon lange im Vorfeld habe ich mich auf Ian McEwans neuen Roman "Maschinen wie ich" gefreut. Der Inhalt klang ungewöhnlich und ich erwartete eine frische und ebenso ungewöhnliche Geschichte. Und die habe ich bekommen. 
McEwan beschäftigt sich mit einem Thema, das die Menschen schon lange fasziniert hat, künstliche Intelligenzen. Aber er geht noch einen Schritt weiter, in "Maschinen wie ich" erleben wir ein London in den achtziger Jahren, das von Inflation und Arbeitslosigkeit gezeichnet ist. Doch der Grund dafür sind hauptsächlich die Unmengen an Maschinen, die auf den Markt gespült werden und menschliche Arbeit immer mehr ersetzen. Hier ist die Welt in Sachen künstliche Intelligenzen einen erheblichen Schritt weiter, als sie es im wirklichen London der achtziger Jahre gewesen ist. 
Im Mittelpunkt von McEwans Geschichte steht Charlie, ein Mann in den mittleren Jahren, der, nachdem er zu einer großen Menge Bargeld kommt, sich dagegen entscheidet aus seiner trostlosen und viel zu kleinen Wohnung auszuziehen, um sich etwas Größeres zu leisten und stattdessen einen der ersten menschlichen Roboter kauft. An dieser Handlung erkennt man, dass Charlie noch nicht wirklich im Erwachsenenleben angekommen scheint. Er beschwert sich zwar öfter über seine Wohnsituation, doch als er die Möglichkeit bekommt diese zu ändern, entscheidet er sich aus purer und vielleicht auch ein wenig kindlicher Neugier heraus sich ein persönliches Spielzeug zuzulegen. Doch als erst Miranda und dann auch noch Adam in sein Leben treten, ändert sich alles. Zuerst ist da Miranda, seine Nachbarin, für die Charlie Gefühle entwickelt, die er sich selbst nicht ganz erklären kann und auch Miranda bleibt zunächst undurchsichtig und scheint ein Geheimnis mit sich herum zu tragen. Und dann ist da Adam, der wohl prägnanteste und interessanteste 'Charakter' in "Maschinen wie ich", der, während die Handlung voranschreitet ein eigenes Bewusstsein zu entwickeln scheint, das, wie er selbst behauptet, fähig ist nicht nur erstaunliche Leistungen anhand des Supercomputers in seinem Kopf zu produzieren, sondern auch lieben und so etwas wie Moral entwickeln kann. Und genau hierbei erkennt man, warum Ian McEwan mit "Maschinen wie ich" ein Kunststück gelungen ist. 
Der Autor stellt die richtigen und wichtigen Fragen, mit denen wir uns auch in der Realität irgendwann beschäftigen müssen.
Wie viel Bewusstsein kann eine künstliche Intelligenz im täglichen Umgang mit Menschen entwickeln?
Sind sie tatsächlich fähig zu lieben, zu trauern, also Emotionen zu haben, und auf moralische Weise zu handeln?
Was passiert eigentlich mit einen 'Maschinen-Gehirn', das nicht wie bei uns die enorme Menge an vor allem negativer Information, wie Klimawandel, Krieg, Mord etc., herausfiltern kann? Also die Welt, wie grausam sie die meiste Zeit ist, pur und ohne Filter erleben muss?
Und vor allem, was geschieht eigentlich mit der Gesellschaft, wenn uns Maschinen und künstliche Intelligenzen irgendwann ersetzen?
Diese Fragen geht McEwan in seinem neuen Roman an und lässt um sie herum eine interessante und gut konstruierte Handlung entstehen, die "Maschinen wie ich" zu einer unglaublich guten und sehr lesenswerten Lektüre macht.

Sonntag, 28. Juli 2019

Lesemonat Juni

Hier ist mein kleiner und verspäteter Lesemonat Juni. 
Klein aber fein.
Im Juni habe ich insgesamt vier Bücher gelesen mit 1698 Seiten. 
Das sind vergleichsweise eher weniger Bücher, trotzdem war ein echtes Jahreshighlight dabei. Dazu mehr am Ende des Beitrags.

Beginnen wir den Lesemonat mit dem Auftakt der Spiegelreisende Reihe "Die Verlobten des Winters" von Christelle Dabos. Ich war im Vorfeld sehr gespannt auf die Reihe, die einiges versprochen hatte. Insgesamt war es auch ein solider Auftakt. Allerdings gab es doch sehr viele Momente, in denen ich die Geschichte doch sehr langatmig fand, dementsprechend habe ich auch verhältnismäßig sehr lange für das Buch gebraucht. Aber zusammenfassend ist die Grundidee und die Konstruktion der Handlung interessant aufgebaut, so dass ich der Fortsetzung sehr wahrscheinlich eine Chance geben werde. 

Weiter ging es im Juni mit einer eher etwas enttäuschenden Lektüre. Als ich damals den Debütroman von Marc Elsberg gelesen habe, war ich begeistert. "Black Out" war ein mögliches erschreckendes, reales und beängstigendes Zukunftsszenario, in das ein Terroranschlag auf das Stromnetzwerk thematisiert wurde und wie abhängig wir von der Elektrizität sind, ohne uns dem bewusst zu sein. Dementsprechend neugierig war ich auf Elsbergs neustes Werk "Gier- Wie weit würdest du gehen?", in dem der mysteriöse Tod eines Nobelpreisträgers einen unbeteiligten Krankenpfleger zum Gejagten macht. Leider war die Lektüre ebenfalls an vielen Stellen sehr langatmig und aufgrund der Fachsprache auch oft schwer verständlich. So war es sehr mühsam das Buch zu lesen und "Gier" wanderte auf den eher schwächeren Elsberg- Lektürenstapel.

Das nächste Buch aus dem vergangenen Monat hat meine Zuneigung zu einem bestimmten Genre neu entfacht. Das Fantasy-Genre und ich hatten in den letzten Monaten ein paar Probleme, doch dann kam "Mitternacht" von Christoph Marzi und alles war wieder gut. Marzi erschafft in seinem neuen Roman ein frisches und unterhaltsames Fantasy-Szenario, das er in London spielen lässt, einer Stadt, die allein schon durch ihre pure Anwesenheit eine eigene Magie ausstrahlt. Eine Stadt, die fast schon prädestiniert für einen guten Fantasy-Roman steht. Und das ist "Mitternacht", zweifellos. Das Ende mag etwas plötzlich erscheinen, doch im Nachwort schließt Marzi die Möglichkeit einer Fortsetzung nicht aus. Ich freue mich jetzt schon drauf. 

Kommen wir nun zu meinem absoluten Highlight des Monats. "Alles still auf einmal" von Rhiannon Navin ist eine tieftraurige Geschichte. Sie erreicht Stellen in deinem Herzen, von denen du nicht geglaubt hast, dass sie existieren. In "Alles still auf einmal" erzählt ein sechsjähriger Junge namens Zach das Unfassbare, als ein Junge mit einer Waffe in seine Schule kommt und seine Mitschüler und Lehrer erschießt. Zach wird gerettet, doch sein älterer Bruder Andy stirbt bei dem Amoklauf. Fortan lebt Zach in seiner Familie, die vom Schmerz des Verlustes und der Unfassbarkeit der Tat überwältigt ist. Doch anders als die Erwachsenen um sich herum, versteht es Zach mit einer unglaublichen Feinfühligkeit sich in dieser tieftraurigen Situation zurechtzufinden. Ich habe selten bei einem Buch sooft geweint, wie hier. Zach ist ein großartiger Charakter, den man sofort ins Herz schließt, weil er zeigt, dass es auch in dieser unwirklichen und unfassbaren Situation ein bisschen Hoffnung gibt, man muss nur lernen sie zu erkennen. 

Das war er. Mein Lesemonat Juni. Gerade noch rechtzeitig, damit sich der Lesemonat Juli nahtlos anschließen kann. Ich freue mich drauf. 

Mittwoch, 10. Juli 2019

(Lisa schreibt): Über das Recht allein sein zu wollen

Auf meine Mitmenschen wirkte ich an diesen kühlen Sonntagabend fast schon ausgestellt. Als würde ich mich nicht wie sie normal umher bewegen, sondern in einem Käfig hocken mit einem Schild obendrüber und der Aufschrift: 
'Kuriositäten aus aller Welt'. 
Kommen Sie näher, meine Damen und Herren, trauen Sie sich, hier sehen Sie etwas, was es wohl noch nie gegeben hat: 

Eine junge Frau, die alleine ins Kino geht.

An dieser Stelle sollte sich die dramatisch musikalische Untermalung bitte hinzugedacht werden. 
Sie finden, ich übertreibe? Vielleicht, ein bisschen. 
Denn als ich in freudiger Erwartung auf meinen ausgewählten Film an der Kinokasse stand, kam mir überhaupt nicht in den Sinn, dass ich hier etwas tat, was wohl zumindest im kleinstädtischen gesellschaftlichen Kontext nicht unbedingt üblich war. Ich freute mich einfach auf meinen Film, den ich schon seit Wochen schauen wollte, es aber nie ins Kino geschafft hatte und auf den ich nicht in hundert Jahren verzichtet hätte, bloß, weil niemand gerade Zeit gehabt hätte mich zu begleiten. 
Doch als ich, noch ganz hingerissen vom Zauber eines großartigen Films, den Kinosaal verließ, traf ich zufällig auf eine gute Freundin von mir, die standesgemäß begleitet von einer Freundin ihrerseits ebenfalls einen Kinosaal verließ. Nach ein wenig Smalltalk, stellte sie die wohl obligatorische Frage, wenn man sich zufällig in einem Kino begegnete:
"Mit wem bist du denn hier?".
Als ich ihr die für mich normale Antwort nannte, erschien auf ihrem Gesicht jener Ausdruck, der mich für sie offensichtlich in den Kuriositätenkäfig verbannt hatte. Und ob es meiner Einbildungskraft geschuldet war, oder nicht, als ich im Nachhinein den Kinoabend Revue passieren ließ, sind mir doch einige seltsame Blicke aufgefallen, die mir in den Kinosaal gefolgt sind. 
Und aus diesem Grund fordere ich mein Recht allein sein zu wollen ein. 
Wieso ist es eine gesellschaftliche Abweichung vor allem kulturelle Dinge allein machen zu wollen?
Verstehen Sie mich nicht falsch, ich bin durchaus gerne in Gesellschaft, egal, ob es sich um einen Kinobesuch handelt oder anderes, doch ich würde niemals auf etwas, das ich gerne unternehmen möchte, verzichten wollen, weil sich niemand gerade an meine Stelle stellen möchte. 
Ich gehe allein ins Kino, auf Konzerte, ich setze mich auch gerne einmal mit einem Buch irgendwo in ein Cafe oder ein Restaurant und- um es ganz auf die Spitze zu treiben- ich verreise auch alleine. Ich verbringe unheimlich gerne Zeit mit mir selbst und ich genieße sie auch ganz bewusst, egal, ob ich mir einen Film im Kino ansehe oder in der Öffentlichkeit meinen hundertfünfzig Meter großen Turm ungelesener Bücher abarbeite. 
Wenn ich daran denke, was ich alles verpasst hätte, weil ich nicht alleine irgendwo hätte hingehen wollen, wären das zu viele wunderbare Abende, wunderschöne Orte oder großartige Filme gewesen. Und das sind doch diese Momente, die das Leben an manchen Tagen ein Stück schöner machen. 

Sollten da draußen also weitere Kuriositäten wie ich herumlaufen, denkt daran, wir können uns zwar nicht sehen, aber fordert euer Recht allein zu sein weiter ein. 
Und sollten Sie uns sehen, wir sind nicht einsam, wir haben gute Freunde und genug gesellschaftliche Kontakte. Wir sind nicht gerade versetzt worden, wir sind an den meisten Tagen völlig normal sozialisierte Menschen, doch es gibt einfach Tage, da wollen wir nur diesen einen Film sehen und da ist es völlig in Ordnung, wenn der Kinositz nebenan leer bleibt.

Ich breche heute übrigens heute Abend auf meinem Kuriositätenkäfig aus und gehe mit einer guten Freundin ins Kino. Doch die nächste Vorstellung im Kuriositätenkabinett lässt sicherlich nicht lange auf sich warten.
counter counter

-->